"Interaktionszentrierte Gestaltung von Informationssystemen als anwenderorientierte Vorgehensweise zur Entwicklung und Präzisierung von Anforderungen"

von Michael Schwarz

Promotion: 18.12.2003, Universität Ulm, Fakultät für Informatik
Gutachter: Profs. Drs. Helmuth Partsch, Franz Schweiggert, Wolfgang Hesse
Online: http://vts.uni-ulm.de, Mi.Schwarz@gmx.de

In dieser Arbeit wird eine neue modellbasierte Vorgehensweise zur partizipativen und systemischen Ausgestaltung betrieblicher Informationssysteme im Kontext ihrer praktischen Anwendungsumgebung vorgestellt. Sie beschreibt einen möglichen Weg zur Entwicklung von Anforderungen und begründet hierzu einen eigenständigen Gestaltungsbereich, der noch vor der technischen Spezifikation des Softwaresystems angesiedelt ist.

Die vorgestellte Vorgehensweise trägt den Namen "Koala": Kommunikationsorientierte Analyse und Gestaltung von Arbeitskontexten. Koala fasst die Entwicklung von Anforderungen an Informationssysteme als kreativen Gestaltungsprozess auf, der nicht nur das Softwaresystem betrifft, sondern auch die Anwendungsumgebung miteinbeziehen muss. Der Softwareentwicklungsprozess beginnt damit bereits mit der Entwicklung des zu lösenden Problems, noch bevor die eigentliche Problemlösung in Form des konkreten zukünftigen Softwaresystems analysiert und spezifiziert werden kann. Endprodukt des Gestaltungsprozesses ist ein praxisorientiertes Modell eines soziotechnischen Handlungssystems, das als Ausgangspunkt für die
nachfolgende Ausgestaltung und technische Spezifikation des konkreten zu realisierenden Softwaresystems verwendet werden kann.

Ausgehend von aktuellen Kooperationsbeziehungen werden durch eine Analyse der typischen Konversations- und Aktivitätsmuster die Tätigkeitsprofile aller betroffenen Akteure aufgedeckt. Nach einer Bestimmung der zukünftigen Nutzergruppen wird das Softwaresystem als neuer anthropomorpher Akteur mit eigenem Tätigkeitsprofil und spezifischem Interaktionsverhalten entworfen und auf Modellierungsebene in diesen Arbeitskontext integriert bzw. "eingepasst". Durch Modellierung und Diskussion der sich neu ergebenden zentralen Konversations- und Aktivitätsmuster wird die gewählte Gestalt des Informationssystems validiert und iterativ überarbeitet.

Koalas Gestaltungsprozess geht vom Bereich menschlichen Handelns aus, d.h. von der praktischen Arbeitswelt bzw. der zukünftigen Systemumgebung. Zur Darstellung dieses Kontexts setzt Koala ganzheitliche Beschreibungsmodelle ein und definiert hierzu insgesamt fünf neue Diagrammtypen, deren zugrundeliegenden orthogonalen, d.h. modell- und diagrammübergreifend verwendbaren Modellierungskonzepte in ihrer Anzahl minimiert und in ihrer Syntax und Semantik weitgehend an UML angelehnt sind, um ein einfaches Verständnis der Modelle zu gewährleisten und ihre Einführung zu erleichtern. Die relevante konzeptionelle Begriffswelt des Anwendungsbereichs wird im Wissensmodell abgebildet. Das Organisationsmodell dient der Dokumentation der statischen Organisation und trennt dabei die Beschreibung des Aufbaus der Organisation in Form der Organisationsstruktur von einer Beschreibung des dynamischen Potentials seiner Akteure in Form ihrer Tätigkeitsprofile. Im Kooperationsmodell schließlich unterscheidet Koala zwischen einer statischen Sicht auf die Kooperationsbeziehungen in Form der Kooperationsstruktur, und zwei unterschiedlichen dynamischen Sichten in Form von Konversations- und Aktivitätsmustern.