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Nachruf
Stephan Heilbrunner
(18.12.1947 - 31.10.1996)
 
Was viele seiner ehemaligen Weggefährten befürchten mußten, wurde im Herbst 1996 zur Gewißheit: Stephan Heilbrunner lebt nicht mehr. Nachdem er im Mai 1996 aus gesundheitlichen Gründen seine Berufstätigkeit ganz aufgeben mußte, erreichte uns am Ende des Jahres die unfaßbare Mitteilung. Im folgenden werden die Höhepunkte seiner Arbeiten auf dem Gebiet der Softwaretechnologie mit Schwerpunkt Ada skizziert. Damit soll nicht der Würdigung seines gesamten wissenschaftlichen Wirkens vorgegriffen werden, dies hat an anderer Stelle zu geschehen. Im Rahmen dieser Publikation, den Softwaretechnik-Trends, ist jedoch eine Eingrenzung auf seine industriellen Aktivitäten mit Schwerpunkt Ada geboten.

Nach Assistententätigkeit und Promotion an der Technischen Universität München bot sich Stephan Heilbrunner die reizvolle Aufgabe, 1973 den Aufbau des Studiengangs Informatik an der Hochschule der Bundeswehr München mitzugestalten. Er entwickelte für das neue in Trimester gegliederte Curriculum die Grundvorlesung und deckte in Forschung und Lehre ein breites Spektrum an theoretischen und praktischen Aspekten von Programmiersprachen ab.

Stephan Heilbrunner ließ sich 1985 von der Universität der Bundeswehr München zur IABG in Ottobrunn beurlauben. Dort übernahm er die Leitung des Projekts SPERBER, das die Definition und Implementierung einer standardisierten Software-Entwicklungsumgebung zum Ziel hatte. Parallel dazu wuchs sein Engagement für Ada. Die Idee einer standardisierten Programmiersprache mit einheitlicher Sprachinterpretation und Code-Portabilität faszinierte ihn.

Nach Abschluß des SPERBER-Projekts wurde er 1987 zum Leiter der Validierungsstelle für Ada Compiler bei der IABG ernannt. Er wollte die Ada-Validerung von dem Ruf ``teuer, langsam, bürokratisch'' befreien. Dies gelang ihm in gewohnter Manier. Mit den Kontakten zu Tartan, Telesoft und Concurrent Computer legte er den Grundstein zu den bis heute andauernden internationalen Aktivitäten der IABG auf dem Gebiet der Ada-Validierung. Während er auf der Seite der Prozeßverbesserung die Ideen für die Validierungswerkzeuge entwickelte, lag ihm die Qualität der ACVC Testprogramme ebenso am Herzen. Er war der Motor des ``Fast Reaction Team'', das bei Konfliktfällen der Sprachinterpretation und Testbewertung per e-mail eine rasche Entscheidung erarbeitete. Die ``Ada Validation Procedures'' des AJPO trugen maßgeblich seine Handschrift. Neben der Validierung wurde auch die Evaluierung von Ada Entwicklungsumgebungen ein Arbeitsschwerpunkt von Stephan Heilbrunner. Er hatte großen Anteil an der Verschmelzung der US-amerikanischen ACEC (Ada Compiler Evaluation Capability) mit dem britischen Entwurf zum AES (Ada Evaluation System).

Weiterhin trieb er die Gründung von Ada Deutschland nach dem Vorbild anderer nationaler Ada Interessengruppen voran. In der 1989 etablierten Fachgruppe 2.1.5 der Gesellschaft für Informatik übernahm er das Amt des Schatzmeisters und war im Arbeitskreis 3 ``Ada 9X'' aktiv.

Glanzvoller Höhepunkt seiner Tätigkeit bei der IABG war die Ausrichtung der Ada Europe Tagung im Münchner Arabella Hotel im Juni 1988. Die Tagung zählte über 450 Teilnehmer, so viele wie seitdem nicht mehr bei einer Ada Europe Tagung. Auf dieser Tagung wurde der Startschuß für die Entwicklung des Ada-Nachfolgestandards unter dem Arbeitstitel ``Ada 9X'' gegeben. Er wurde vom US-DoD in das internationale Team der 30 Ada 9X Distinguished Reviewers berufen, deren Aufgabe es war, die Entwürfe zu Ada 9X zu begutachten. Dort setzte er sich besonders für die Erweiterung des Bibliothekskonzepts (``child libraries'') ein. Er war in diesem Team insbesondere für seine kollegiale und pragmatische Art, Lösungen zu finden, geschätzt. Auch nach seinem Wechsel auf eine Professur an der Universität Duisburg setzt Stephan Heilbrunner seine Beteiligung an der Ada 9X Entwicklung und sein Engagement für einen effizienten Validierungsprozeß fort, während er seine akademische Karriere verfolgte. Diese wurde gekrönt durch die Berufung zum ordentlichen Professor an der Universität Salzburg im Jahr 1991. Dieses Jahr stellte aber schon den Beginn seines Krebsleidens dar, von dem er sich bis zu seinem Tod nie mehr vollständig erholen sollte.

Stephan Heilbrunner war ein äußerst begabter, zielstrebiger und vielseitiger Mensch. Er stellte sehr hohe Anforderungen an sich und an seine Umgebung. Seine Auffassungsgabe und sein Urteilsvermögen können nur als brilliant bezeichnet werden. Die Spannweite zwischen theoretischem Raisonieren und dem Finden praktischer Lösungen versetzte jeden in Erstaunen, der mit ihm zusammenarbeiten durfte. Die Ada-Gemeinde verliert einen geschätzten Kollegen und Vordenker, dem sie zahlreiche wertvolle Impulse und bleibende Resultate zu verdanken hat.

 
21. Februar 1997 Michael Tonndorf, IABG



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