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5th European Software Engineering Conference
25.-28. September 1995, Sitges, Spanien

Wolfgang Emmerich1

Die ESEC hat sich als regionale Softwaretechnik-Tagung für Europa etabliert. Nach Straßburg (1987), Warwick (1989), Mailand (1991) und Garmisch-Partenkirchen (1993) fand die diesjährige ESEC in der Nähe von Barcelona in Katalanien statt.

29 der 155 eingereichten Beiträge hat das Programmkomitee unter Vorsitz von Wilhelm Schäfer (Uni-GH Paderborn) zur Veröffentlichung bei Springer in Band 989 der Lecture Notes in Computer Science ausgewählt. Die Annahmequote war damit fast so gut wie bei der letzten ICSE! Die Mehrzahl der Beiträge (19) stammte von europäischen Softwaretechnikern und auch der größte Teil der ca. 200 Tagungsteilnehmer kam aus Europa.


Eingeladene Vorträge

Heinz Schwärtzel eröffnete das Konferenzprogramm mit einem Vortrag zu Anforderungen an die Ausbildung von Softwaretechnikern aus industrieller Sicht2. Schwärtzel präsentierte Ergebnisse empirischer Untersuchungen in Bayern, die die strategische Relevanz software-basierter Systeme für die Marktwirtschaft belegen. Er unterstrich die Wichtigkeit einer praxisnahen Softwaretechnik-Ausbildung. Seine Behauptung, an deutschen Fachhochschulen werde praxisnah, an deutschen Universitäten aber zu theoretisch ausgebildet, wurde kontrovers diskutiert. Neben dem Problem, daß die überwiegende Anzahl der Teilnehmer mit dem Konzept der deutschen Fachhochschulen nicht vertraut war, fand diese Aussage unter den deutschen Softwaretechnikern keineswegs ungeteilte Zustimmung, da es - außerhalb von Bayern - praxisnahe universitäre Softwaretechnik-Ausbildung gibt.

Ein von vielen erwartetes Highlight der 5. ESEC waren die beiden Vorträge von François Bancilhon und Bertrand Meyer zu objektorientierten Datenbanken. Der Titel von Bancilhons Vortrag war Why we need object databases. Kontrovers dazu war Meyers Vortrag mit Why we do not need object databases angekündigt. Bancilhon legte, wie ich fand, recht überzeugend die Vorzüge objektorientierter Datenbanken dar. Meyer - wohl in Erwartung gewisser Argumentationsprobleme - hatte seinen Vortrag in Do we need object databases? geändert. Er schlug sich dann aber wacker und argumentierte mit höherer Flexibilität und besserer Performanz, die man erreicht, wenn man typische Datenbankfunktionen in Klassenbibliotheken bereitstellt.

Der Vortrag von Watts Humphrey zum Thema A personal committment to software quality bildete den Abschluß des ESEC-Programms. Einzelne Software-Entwickler, so Humphrey, müssen ihr privates Software-Prozeßmodell einhalten, damit aus unternehmensweiten Prozessen qualitativ hochwertige Software hervorgehen kann. Obschon man sich über den wissenschaftlichen Tiefgang der Betrachtung streiten kann, hat Humphrey - ein eloquenter Redner - seine Aussagen eindrucksvoll mit Beispielen aus seiner langjährigen industriellen Erfahrung belegt.


Technische Beiträge

Die technischen Beiträge des Programms deckten ein recht breites Spektrum der Softwaretechnik ab, ohne daß Schwerpunkte oder gar neue Trends zu erkennen waren. Es gab Sitzungen zu Prozeßmodellierung, Echtzeit-Anwendungen, Metriken, Nebenläufigkeit, Versions- und Konfigurationsmanagement, formalen Methoden, Entwurfsprozessen, Programmanalyse, Qualitätssicherung und Objektorientierung.

Sehr gut waren aus meiner Sicht die Beiträge von J. Magee (Imperial College) zur Entwicklung verteilter Software-Architekturen und von A. Zeller (TU Braunschweig) zu Versionsmanagement mit Feature Logik. In beiden Vorträgen wurden die Ansätze auf Basis solider theoretischer Grundlagen dargestellt und ihre praktische Relevanz aufgezeigt.

Das ließen viele andere Vorträge vermissen. So wurde etwa in einem Beitrag zum Reverse Engineering ein Ansatz zur Transformation von Pascal-Programmen in Object-Pascal-Programme vorgestellt. Die Transformation stützte sich auf durch Prozeduren eingeschränkte Sichtbarkeitsbereiche, Typen und unterschiedliche Parameterübergabemechanismen ab. Restrukturierungsbedarf besteht in der Praxis vor allem für Programme in IBM 370 Assembler, RPG oder Cobol. Dort fehlen aber diese modernen Konzepte aus Pascal, und der Ansatz ist nicht anwendbar. Auch fehlte in manchen Beiträgen die (praktische) Evaluierung der vorgestellten Ansätze. Das größte System, das etwa mit einem vorgestellten Werkzeug für formale Methoden bearbeitet worden war, war ein Heapsort Algorithmus. Diese Vorgehensweise ist meines Erachtens ungeeignet, die Lücke zwischen Forschung und industrieller Praxis zu überbrücken.

Erfreulich ist, daß mehr als 20% des Tagungsprogramms von deutschen Softwaretechnikern bestritten wurde: ein eingeladener Vortrag und sechs der 29 Papiere. Auf dem Podium diskutierte Alexander Schill (TU Dresden) über neue Richtungen bei der offenen, verteilten Anwendungsentwicklung mit.


Weitere Veranstaltungen

Am ersten Tag der Konferenz wurden fünf Tutorien gegeben: Domain-Analyse in der Wiederverwendung (R. Prieto-Díaz), Software Architekturen (P. Kruchten), Entwurf mit objektorientierten Klassenbibliotheken (M. Jazayeri), Einführung in Sicherheit (D. Kemmerer) und formale Methoden beim Software-Test (H.-M. Hörcher). Insgesamt nahmen 42 Teilnehmer an den Tutorien teil. Besonders gefragt waren die Themen Domain-Analyse und Entwurf mit objektorientierten Klassenbibliotheken. Dies ist ein Beleg für den Trend, daß Software-Entwickler die Wiederverwendung objektorientierter Software-Komponenten mehr und mehr in die Praxis umsetzen wollen.

Elliot Chikofsky versuchte, im Rahmen eines IEEE TCSE European Member Meetings, die europäischen TCSE Mitglieder zur Gründung eines European Chapter of the TCSE zu bewegen. Laut Chikofsky könne so ein Chapter den Informationsaustausch zwischen den Mitgliedern und die Organisation europäischer Workshops unterstützen. Der Vorschlag fand wenig Interesse. Aus meiner Sicht deshalb, weil Chikofsky die existierenden europäischen Infrastrukturen, wie zum Beispiel ESPRIT Basic Research Actions oder Softwaretechnik Arbeitsgruppen der nationalen Berufsorganisationen, in seiner Argumentation völlig übersehen hat und den Nutzen solch eines Chapters daher nicht überzeugend darstellen konnte.

Die ESPRIT Basic Research Action NATURE3 wurde durch einen Workshop auf der ESEC beendet. Er war für alle Konferenzteilnehmer offen und ca. 20 Nichtmitglieder des NATURE Projektes nutzten dieses Angebot. Zu Themen wie Wissensrepräsentation, Wiederverwendung von Domain-Wissen, Architekturen von Anforderungsanalyse-Umgebungen und Prozeßmodelle für die Anforderungsanalyse wurden Vorträge oder auch Prototyp-Demonstrationen gegeben. Technische Berichte des Projektes sind unter ftp://ftp.informatik.rwth-aachen.de/pub/packages/NATURE publiziert. NATURE wird in dem RENOIR Network of Excellence fortgeführt.

Parallel zur Tagung wurden Werkzeuge und Umgebungen ausgestellt. Verglichen mit den Messen der letzten beiden deutschen Softwaretechnik-Tagungen war die ESEC-Ausstellung jedoch recht mager. Es gab etwa zehn Stände, von denen nur vier tatsächlich Werkzeuge oder Umgebungen zeigten. Auf den anderen stellten Verlage Bücher aus, und das ESI (European Software Institute, Bilbao) wartete mit einem Video und einer Prospekt-Sammlung auf.


Organisation / Rahmenprogramm

Die Tagung war exzellent organisiert. Das Konferenzsekretariat war ständig besetzt und sehr um die Teilnehmer bemüht. Das Tagungshotel lag direkt an der Strandpromenade von Sitges, und einige Teilnehmer nutzten die Mittagspausen zu einem erfrischenden Bad im Mittelmeer.

Eine ESEC-Bibliographie mit Referenzen zu allen Papieren der bisherigen fünf ESEC-Tagungsbände ist in http://uomo.informatik.uni-kl.de:2080/Publikationen/Bibs/esec.bib/ publiziert.

Social Event der ESEC war ein katalanischer Abend im Palau Novella. Das Palau liegt im Garraf Nationalpark südwestlich von Barcelona. Die einstündige Busfahrt beim Sonnenuntergang dorthin war ein wenig abenteuerlich, aber landschaftlich sehr reizvoll. Der Abend begann mit einer Probe verschiedener regionaler Weine. Eine folkloristische Spezialität Katalaniens sind Menschentürme, die bei vielen Festen in den unterschiedlichsten Formen gebaut werden: Vor unseren Augen und mit Hilfe einiger Teilnehmer bauten sich Türme von bis zu fünf Ebenen auf. Der Abend klang mit katalanischer Musik aus.


Ausblick

Die nächste ESEC findet vom 22.-25. September 1997 in Zürich statt. Das Programmkomitee wird von Mehdi Jazayeri (TU Wien) geleitet. Beiträge können bis zum 15. Januar 19974 eingesendet werden. Anfragen über die nächste ESEC können an esec97@ifi.unizh.ch gerichtet werden.


Footnotes

... Emmerich1
City University, Dept. of Computer Science, Northampton Square, London EC1V 0HB, United Kingdom
... Sicht2
Die Folien sind in http://fast.fast.de/ESEC publiziert.
... NATURE3
Novel Approaches to Theories Underlying Requirements Engineering
... 19974
In http://www.ifi.unizh.ch/congress steht eine Tagungsankündigung.


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