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Standpunkte


Was nützen der Software-Technik die DIN-Normen?

 

Ich glaube, wir sind uns alle darüber einig, daß ein gewisser Grad an Standardisierung in der Software-Technik nötig ist. Standards erleichtern die Kommunikation, reduzieren die Ausbildungskosten, vereinfachen die Zusammenarbeit, fördern die Innovation.

Betrachtet man die DIN-Normen zur Software-Technik, dann fallen mir zunächst viele alte Normen ein: Normen zu Entscheidungstabellen, zu Programmablaufplänen, zu Datenflußdiagrammen. Diese Normen waren zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung wegweisend und prägen z.T. noch heute die Software-Technik. Diese Dynamik ist heute leider nicht mehr vorhanden. Vielmehr haben sich die DIN-Gremien lange Zeit im wesentlichen damit befaßt, alte Normen zu modernisieren, obwohl eine Modernisierung nicht sinnvoll war. Beispielsweise hat man in mehreren Schritten versucht, die Programmablaufpläne, die gut für die Dokumentation von Assemblerprogrammen geeignet waren, für die Strukturierte Programmierung anzupassen. Besser wäre es gewesen, Struktogramme bzw. Nassi/Shneiderman-Diagramme zu normieren.

Ähnlich wie bei den Programmablaufplänen ist es auch den Datenflußdiagrammen ergangen.

Normierungen auf dem Gebiet der Systemanalyse, das heute einen Schwerpunkt jeder Software-Technik darstellt, hat es bis heute meines Wissens nicht gegeben. Es wurde versäumt, die Strukturierte Analyse und das Entity-Relationship-Modell zu standardisieren. Das hat aus meiner Sicht mit dazu beigetragen, daß die deutschen CASE-Hersteller ``Boden verloren haben''. In Frankreich wurde mit Merise und in Großbritannien mit SSADM ein entsprechender Standard gesetzt. Deutsche CASE-Hersteller haben diese Standards frühzeitig unterstützt, da in diesen Ländern die Software-Industrie diese Standards benutzte. Mit seiner Nichttätigkeit hat der DIN dem Software-Standort Deutschland keinen Gefallen getan, sondern ihm geschadet!

Eine frühzeitige Normung in diesem Bereich hätte nicht nur den CASE-Herstellern einen Wettbewerbsvorteil verschafft. Viel wichtiger wären noch die Vorteile durch die erleichterte Zusammenarbeit zwischen Software-Häusern gewesen, z.B. durch leichteren Austausch von Halbfertigprodukten.

Auch heute werden die Zeichen der Zeit offensichtlich nicht erkannt. Es wäre höchste Zeit, eine Norm für die Objektorientierte Analyse und den Objektorientierten Entwurf zu verabschieden. In einer innovativen Branche gehört zur Normung Weitsicht, Mut und Risikobereitschaft. Wenn man immer darauf wartet, bis eine Entwicklung konsolidiert ist, dann wird man immer die Vergangenheit normen.

Eine positive Ausnahme gibt es zu vermelden. Mit DIN 66234, Teil 8 ``Grundsätze ergonomischer Dialoggestaltung'' wurde Neuland betreten. Und man ist dabei, diese Norm zu einer internationalen Norm zu etablieren.

Das heute in aller Munde befindliche Normenwerk ISO 9000ff. wurde von einer britischen Norm übernommen. Dagegen ist nichts einzuwenden. Gerade als Hochschullehrer finde ich es aber äußerst ärgerlich, wie dieses Normenwerk übersetzt wurde. Englische Begriffe, für die neue deutsche Begriffe sinnvoll gewesen wären, blieben Englisch, z.B. Audit. Im deutschen übliche englische Begriffe wie Management wurden völlig unsinnig übersetzt: Statt Mangement spricht man von ``oberster Leitung''. Sinnvoll wäre Geschäftsführung gewesen. Diese sprachliche Mißbildung ``oberste Leitung'' findet man inzwischen in allen Artikeln zu dieser Norm. Fehlt nur noch, daß der Duden diesen Unsinn irgendwann legalisiert. Noch einige Beispiele für die "klare" Formulierung in ISO 9000-3: ``Die oberste Leitung des Lieferanten muß ihre Politik sowie ihre Zielsetzungen und ihre Verpflichtung zur Qualität festlegen und dokumentieren. ... Zusätzlich sollten diese Forderungen alle Aspekte enthalten, die nötig sind, um den Bedarf des Auftraggebers zu befriedigen. ... Das Qualitätssicherungssystem sollte ein in den gesamten Lebenszyklus integrierter Prozeß sein, um sicherzustellen, daß im Verlauf der Entwicklung ständig (befriedigende) Qualität erzeugt wird,..'' Ich wußte noch gar nicht, daß ein System ein Prozeß ist!

Außerdem wurde in dieser Norm mit einem geheiligten Prinzip gebrochen: Aus meiner Sicht wurde ohne Not der bisher eingebürgerte Begriff Qualitätssicherung durch em Qualitätsmanagement ersetzt.

Wie lautet das Resumee: Nichthandeln schadet der deutschen Software-Industrie. In den letzten Jahren wurde nicht gehandelt. Ich wünsche mir: Voraussicht und Mut! Und einen Germanisten!

 
 
Helmut Balzert
Lehrstuhl für Software-Technik
Ruhr-Universität Bochum



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