Das Konzept der Kernfächer
in der universitären Ausbildung in Praktischer Informatik

Udo Kelter
Praktische Informatik, Fachbereich Elektrotechnik und Informatik
Universität Siegen, 57068 Siegen
kelter@informatik.uni-siegen.de

14.2.2000

1 Softwaretechnik vs. Praktische Informatik

Die Frage nach Ausbildung in Softwaretechnik ist nur schwer zu trennen von der Frage nach der Ausbildung in der Praktischen Informatik im allgemeinen.

Die Softwaretechnik zielt von ihrem Selbstverständnis her auf das ingenieurmäßige Problemlösen - dies ist aber ein generelles Ziel von Informatik-Studiengängen, zumindest den darin enthaltenen Anteilen der Praktischen Informatik. Der Inhalt von Softwaretechnik-Vorlesungen kann daher immer nur im Kontext der anderen Vorlesungen der Praktischen Informatik im Hauptstudium diskutiert werden.

In fast jedem realen Softwareprodukt kommen die folgenden Technologien bzw. entsprechenden Komponenten oder Basissysteme zum Einsatz:

Kernfächer

2.1 Kontext

Am Fachbereich Elektrotechnik und Informatik der Universität Siegen wird seit 1990 der Studiengang Technische Informatik in einer Kurzzeit- und Langzeitversion (7 bzw. 9 Semester Regelstudienzeit) angeboten. 1998 wurde eine neue Diplomprüfungsordnung für die Technische Informatik verabschiedet, die gegenüber der ursprünglichen DPO wesentliche Umstrukturierungen enthält; durch diese werden Schwachpunkte, die sich bei der Anwendung der ursprünglichen DPO im Laufe der Jahre herausgestellt haben, beseitigt. Der wohl gravierendste Schwachpunkt war die mangelnde Breite in der Ausbildung in Praktischer Informatik im Kurzzeitstudiengang.

Seit 1998 wird gemeinsam mit dem Fachbereich Wirtschaftswissenschaften zusätzlich der Studiengang Wirtschaftsinformatik in einer Kurzzeit- und Langzeitversion angeboten; in diesen Studiengang konnten die Konzepte der neuen DPO Technische Informatik sehr gut übernommen werden.

2.2 Konzept

Als Lösung des Problems der fachlichen Breite wurde das Konzept der Kernfächer entwickelt. Vereinfacht ausgedrückt handelt es sich bei einem Kernfach um ``die anwendungsorientierte Hälfte'' der früheren Stammvorlesungen im Umfang von 4V+2Ü. Aus einer Stammvorlesung entsteht so ein Kernfach und eine ``weiterführende'' Hälfte.

Für das Kernfach wird nicht etwa von jedem Themenbereich der Stammvorlesung die einführende Hälfte gewählt (also sozusagen nur zur halben Tiefe vorgedrungen), sondern die weniger wichtigen Themen werden fast komplett weggelassen und die prioritären Themen werden in voller Tiefe behandelt. Sofern Systeme behandelt werden, wird im Kernfach nur beschrieben, welche Leistungen das System aus Anwendersicht anbietet und wie man es einsetzt; wie es intern funktioniert und aufgebaut ist, wird in der weiterführenden Hälfte behandelt. Bei Datenbanksystemen bedeutet dies, daß im Kernfach i.w. Datenmodelle und Abfragesprachen vorgestellt werden und Themen wie Optimierung oder Transaktionen in den weiterführenden Teil verschoben werden. Formale Merkmale der Kernfächer sind:

2.3 Erfahrungen

Die Umstrukturierung der Vorlesungen ist inzwischen weitgehend abgeschlossen. Erfahrungen hierbei waren:

3 Das Kernfach Softwaretechnik

Die Aufteilung der früheren Softwaretechnik-Stammvorlesung in das Kernfach (genannt Softwaretechnik I) und eine weiterführende zweite Hälfte (genannt Softwaretechnik II) war mehr oder minder offensichtlich: das Kernfach hat die Schwerpunkte

4 Das Kernfach Datenbanksysteme

Wie schon erwähnt entfällt im Kernfach Datenbanksysteme die ER-Modellierung bzw. genereller das Thema Systemanalyse völlig. Im Zentrum steht das relationale Datenbankmodell. Die Aufteilung der Doppelstunden ist:

Architekturen von Informationssystemen 3
Relationales Datenbankmodell: Grundlagen, Sprachen, Normalformen 9
Objektorientierte DBMS 2
Sonstiges 2

5 Zusammenfassung und Ausblick

Das Konzept der Kernfächer ist im Kontext eines Studiengangs der Angewandten Informatik mit Kurzzeitvariante entstanden. Es hat sich dort bisher gut bewährt und zu einer besseren Modularisierung des Lehrstoffs und einer wesentlich ausgewogeneren Ausbildung in der Praktischen Informatik geführt.

Gleichzeitig sind hierdurch sehr gute Voraussetzungen für die demnächst fällige Einführung eines Bachelor-Studiengangs geschaffen worden.

Durch die Einführung kürzerer berufsqualifizierender Abschlüsse entsteht das Problem der Ausgewogenheit der Inhalte derzeit auch in klassischen Informatik-Studiengängen; in diesem Zusammenhang dürfte das Konzept der Kernfächer auch für den klassischen Studiengang Informatik interessant sein.

Literatur

Ba96
Balzert, H.: Lehrbuch der Software-Technik - Software-Entwicklung; Spektrum Akademischer Verlag; 1996

Bo99
Bothe, K.: Softwareengineering-Einführungsveranstaltung an der Humboldt-Universität zu Berlin; Softwaretechnik-Trends 19:3, p.22-27; 1999/11

BrS99
Brössler, Peter; Siedersleben, Johannes (Hrsg.): Softwaretechnik - Praxiswissen für Softwareingenieure; Hanser Verlag; 1999/11
...I
Die römische Eins in der Bezeichnung einiger Kernfächer ist dadurch verursacht, daß die Bezeichnung der ehemaligen Stammvorlesungen für die beiden entstehenden Hälften beibehalten wurde. Einer der Gründe ist, daß die alten Stammvorlesungen noch längere Zeit parallel angeboten werden müssen.

 


Kommentare und Fragen bitte an Udo Kelter, Fachgruppe Praktische Informatik, FB 12, Univ. Siegen,