Allgemeine Hinweise für
Interessent(inn)en an einer Diplomarbeit an der Fachgruppe
Praktische Informatik
Udo Kelter
Praktische Informatik,
Fachbereich Elektrotechnik und Informatik
Universität Siegen, 57068 Siegen
kelter@informatik.uni-siegen.de
Themen von Diplomarbeiten
Umfang der Aufgabenstellung: Laut
Diplomprüfungsordnung ist die Diplomarbeit ``eine
Prüfungsarbeit, die die wissenschaftliche
Ausbildung abschließt und zeigen soll, daß der
Kandidat in der Lage ist, innerhalb einer
vorgegebenen Frist ein Problem aus seinem Fach
selbständig nach wissenschaftlichen Methoden zu
bearbeiten.''
Hieraus ergibt sich indirekt,
daß das Thema so gewählt sein muß, daß es von einem
Studenten, der das Hauptstudium in einer geeigneten
thematischen Ausrichtung erfolgreich beendet hat,
innerhalb von 4 bzw. 6 Monaten bearbeitet werden
kann. Das Thema kann daher -- anders als bei einer
Dissertation -- keine in der Forschung offene
Fragestellung sein, deren Bearbeitungsaufwand nicht
abschätzbar ist.
Fachliche Ausrichtung: Möglich sind
verschiedenste Themen in den Gebieten Datenbanken
und Softwaretechnik. Die Themen sind fast immer
praktisch orientiert und beinhalten die Erstellung
eines Softwaresystems. Über die Leitseite der
Fachgruppe ist eine Liste laufender und
abgeschlossener Arbeiten erreichbar; zu diesen
Arbeiten ist jeweils eine Kurzbeschreibung
angegeben. Diese Beschreibungen können als
Beispiele dienen.
Typischerweise wird das Thema in mehreren
Gesprächen konkretisiert (s.u.) und individuell mit
einer Interessentin bzw. einem Interessenten
festgelegt.
Qualitativer Anspruch: Der Anspruch, daß
in der Arbeit ein Thema nach wissenschaftlichen
Methoden bearbeitet wird, muß im Einzelfall
konkretisiert werden. Generell folgt hieraus, daß
einschlägige Lehrinhalte des Hauptstudiums als
Vorkenntnisse vorausgesetzt werden und daß u.a. die
dort erlernten Methoden, Verfahren, Sprachen usw.
anzuwenden sind. Vielfach wird noch eine
selbständige punktuelle Vertiefung dieser
Kenntnisse erforderlich sein, wobei (insb. bei HS
II-Diplomarbeiten) auch forschungsnahe Themen
involviert sein können.
Ferner sollten die inhaltlichen Ergebnisse der
Diplomarbeit dem aktuellen Stand der Technik
entsprechen. Hierzu ist in einem frühen Stadium
i.d.R. durch Analyse von Literatur (z.B. bei
Algorithmen oder Konzepten) oder Vergleich mit
anderen existierenden Systemen (vor allen bei
Implementierungen) zu sorgen; im Bericht über die
Arbeit sollten dementsprechend qualifizierte
Vergleiche der Ergebnisse der Diplomarbeit mit der
Literatur oder anderen Systemen enthalten sein.
Vorkenntnisse
Generell erforderlich sind gute Allgemeinkenntnisse
in der praktischen Informatik, insb. auch die
Kernfächer ``Softwaretechnik I'' und
``Datenbanksysteme I''.
Je nach Themenschwerpunkt sind zusätzlich
Kenntnisse erforderlich, die in etwa den
Vorlesungen ``Softwaretechnik II'',
``Software-Entwicklungsumgebungen'',
``Datenbanksysteme II'' oder sonstigen
Veranstaltungen entsprechen. Derartige Kenntnisse
können weitgehend durch Selbststudium mittels der
Skripten, die über die WWW-Seiten zu den
Vorlesungen erhältlich sind, erworben werden.
Zusätzlich sollten unbedingt praktische Übungen
durchgeführt werden.
Planung und Vorgehensweise
Es ist sinnvoll, sich möglichst frühzeitig
(wenigstens 3 Monate) vor dem geplanten Beginn der
Diplomarbeit mit potentiellen Betreuern in
Verbindung zu setzen.
In einem ersten Gespräch können die aus Sicht
der Fachgruppe interessanten Themenbereiche
diskutiert und den Vorkenntnissen und Interessen
des Diplomanden bzw. der Diplomandin
gegenübergestellt werden. Ergebnis dieses ersten
Gesprächs sind typischerweise 1 - 3 mögliche
Themengebiete für die Arbeit und eine Liste von
Gebieten, in denen noch Vorkenntnisse fehlen.
In der folgenden ``Konkretisierungsphase''
werden das bzw. die angedachten Themen schrittweise
verfeinert und auf ihre Durchführbarkeit
untersucht. Da in den meisten Fällen im Rahmen der
Diplomarbeit eine Software neu entwickelt bzw. eine
vorhandene Software modifiziert wird, richtet sich
die Vorgehensweise nach den üblichen
Vorgehensmodellen bei der Softwareentwicklung. Ziel
ist eine Entscheidung für eine der angedachten
Alternativen und eine Zerlegung der Gesamtaufgabe
in Teilaufgaben, für die sich die Aufwände halbwegs
sicher schätzen lassen. Mit zu berücksichtigen sind
ca. 3 Wochen für das Anfertigen des Berichts über
die Diplomarbeit (üblicherweise einfach ``die
Diplomarbeit'' genannt).
Während der Konkretisierungsphase müssen ferner
ggf. fehlende Vorkenntnisse erworben werden; der
Zeitaufwand hierfür sollte nicht unterschätzt
werden.
Gestaltung des Berichts
Der Bericht über die Diplomarbeit sollte unter
folgenden Annahmen geplant bzw. verfaßt werden:
Leserschaft: Der Bericht wird
typischerweise nur von den Gutachtern /
Betreuern und Bearbeitern paralleler / später
aufbauender Diplomarbeiten gelesen, nicht
hingegen von Erstsemestern oder Personen, die den
Inhalt der einschlägigen Standardvorlesungen nicht
kennen. Der Inhalt sollte auf diese Leserschaft hin
ausgerichtet sein.
Generell darf unterstellt werden, daß diese
Leser die Vorkenntnisse haben, die oben erwähnt
sind. Von daher ist es überflüssig, diesen Stoff
mehr oder weniger langatmig aufzubereiten;
entsprechende Abschnitte der Arbeit können das
Ergebnis nur verschlechtern.
Wo möglich, sollte bei allgemeinen
Begriffsdefinitionen auf eine allgemein zugreifbare
Quelle (z.B. Lehrbuch oder vorhandene
Dokumentation) verwiesen werden.
Standardstoff sollte nur dann wiederholt
werden, wenn dies wegen aufbauender spezieller
Themen unbedingt notwendig ist.
Umfang: Der Umfang des Hauptteils des
Berichts liegt typischerweise zwischen 50 und 100
Seiten. Nicht in den Hauptteil gehören längere
Quelltexte und sonstiges Material, diese sind als
Anhang hinten anzufügen.
Der Bericht über die Diplomarbeit hat
üblicherweise folgenden Aufbau:
- Deckblatt
- max. 1-seitige Zusammenfassung der Arbeit;
diese skizziert die bearbeitete Aufgabe und die
wesentlichen Resultate
- Inhaltsverzeichnis
- einleitendes Kapitel (ca. 5 - 10 Seiten) über
die generelle Motivation für die Arbeit und die
präzisierte Themenstellung, ggf. mit Auflistung
der einzelnen Teilaufgaben. Dieses Kapitel kann
ggf. einem kompletten Pflichtenheft für das zu
erstellende System entsprechen.
- Kapitel ``Hintergrund'': dieses beschreibt die
notwendigen Vorkenntnisse zum Verständnis der
Arbeit. Hierzu kann z.B. gehören, die Struktur
eines vorhandenen Systems, das modifiziert werden
soll, zu beschreiben.
- Kapitel über konzeptionelle Arbeiten, Leistung
von Systemen aus Benutzersicht usw.: Sofern im
Rahmen der Arbeit relevante Begriffe, Konzepte
u.ä. erarbeitet worden sind, sollten diese
zunächst unabhängig von ihrer Implementierung
vorgestellt werden. Analog gilt dies für die
Funktionalität und äußere Gestaltung der
entwickelten Systeme, sofern hier ein
wesentlicher Gestaltungsspielraum vorhanden ist
und dies nicht schon durch die Aufgabenstellung
hinreichend klar vorgegeben ist.
- Kapitel über wesentliche
Entwurfsentscheidungen: Die wichtigen
Entwurfsfragen sollen hier diskutiert und die
Entscheidung begründet werden. Hierzu kann es
durchaus sinnvoll sein, auch nicht realisierte /
weiterverfolgte Alternativen zu beschreiben und
deren Nachteile zu diskutieren.
- Kapitel über die Anwendung des erstellten
Systems: hierbei kann es sich um Meßwerte bei
Benchmarks, subjektive Bewertungen der
Bedienschnittstelle u.ä. handeln. Damit
zusammenhängend können auch Möglichkeiten zur
Verbesserung / Erweiterung des Systems diskutiert
werden.
- Zusammenfassung und Abschluß: hier sollten die
wesentlichen Ergebnisse und Erkenntnisse
zusammengefaßt werden. Ebenfalls können hier
(oder ggf. in einem separaten Kapitel)
Erfahrungen mit benutzen Werkzeugen usw.
festgehalten werden.
Extern durchgeführte Diplomarbeiten
Prinzipiell können Diplomarbeiten auch bei externen
Instanzen (Forschungsinstitute, andere
Fachbereiche, Privatfirmen) durchgeführt werden.
Allerdings werfen externe Arbeiten einige Probleme
auf:
- Betreuung und Begutachtung: Nach meiner
bisherigen Erfahrung treten immer wieder Probleme
bei der Betreuung der Diplomanden auf. Bei
kleineren externen Partnern ist vielfach überhaupt
kein Informatiker als Betreuer (und ggf. Gutachter)
verfügbar, und/oder der Betreuer ist in
termingebundene Projektarbeiten eingespannt und hat
wenig Zeit. Darüber hinaus ist ein Techniker, der
sich um die Rechner, deren Vernetzung, die
Installation von Software und sonstige logistische
Probleme kümmert, bei externen Partnern oft nicht
vorhanden; entsprechende ``Neben-Probleme'' müssen
daher vom Diplomanden - mit entsprechenden
Zeitverlust - bearbeitet werden. Generell muß man
sagen, daß die Arbeitsbedingungen bei externen
Partnern bisweilen deutlich schlechter sind als an
unserem Fachbereich und daß hier vor Ort daher
inhaltlich bessere Arbeiten möglich sind.
- Fachlicher Anspruch: Die Diplomarbeit soll
auch an technologisches Neuland heranführen (s.o.).
Die Aufgabenstellungen bei externen Partnern sind
qualitativ bisweilen vom fachlichen Niveau her eher
anspruchslos und vergleichbar mit Übungen zu den
Vorlesungen im Hauptstudium, dafür quantitativ
umfangreich oder mit Nebenproblemen (s.o.)
belastet. Da ferner meist irgendein konkret
nutzbares System als Endergebnis zu einem
bestimmten Termin vorliegen muß, können fast keine
Risiken eingegangen werden, d.h. man beschränkt
sich notwendigerweise auf überschaubare,
kalkulierbare ``08/15-Technologien'' und
Vorgehensweisen. Dies ist nur unter starker Dehnung
des Begriffs ``wissenschaftlichen Methoden'' mit
den Zielen vereinbar, die speziell mit einer HS
II-Diplomarbeit (mit 6 Monaten Bearbeitungszeit)
verbunden sind.
Das Argument, daß fachlich eher anspruchslose,
aber quantitativ aufwendige Themen dadurch
gerechtfertigt seien, daß sie aus der Praxis stammen
und somit typisch für den späteren beruflichen
Einsatz seien, ist nicht stichhaltig. Mit dem
gleichen Argument würde ein Tischlergeselle, der in
einer Fabrik arbeitet, die vor allem
Kartoffelkisten herstellt, als ``Meisterstück'' 10
besonders große Kartoffelkisten herstellen - von
einem Tischlermeister würde man aber erwarten, daß
er wesentlich anspruchsvollere Möbelstücke gestalten
und herstellen kann.
Den industriellen Alltag kennenzulernen ist auf
jeden Fall sinnvoll, und genau hierfür sehen die
meisten Prüfungsordnungen extern zu absolvierende
Industriepraktika vor. Eine Diplomarbeit ist kein
zweites Industriepraktikum.
Besonders suspekt hinsichtlich des
wissenschaftlichen Anspruchs sind externe
Diplomarbeiten, in denen ein vorhandenes Produkt
reimplementiert werden soll, weil es der
anbietenden Firma zu teuer ist, oder i.w. Produkte
installiert und in eine vorhandene Umgebung
integriert werden sollen (die zentrale
Qualifikation, die hier vermittelt wird, ist die
Kenntnis der vorhandenen und fehlenden oder nicht
funktionierenden Funktionen von Produktversion x.y,
wofür sich beim Vorliegen von Produktversion x.y+1
niemand mehr interessieren wird).
- Erlernen wissenschaftlicher Arbeitsweisen: Aus
den vorstehenden Gründen ergibt sich, daß es eher
unwahrscheinlich ist, daß bei externen Arbeiten
handwerkliches Rüstzeug (insb. die Fähigkeit zur
Erschließung und Bewertung von wissenschaftlicher
Originalliteratur und zur Darstellung der
wissenschaftlichen Resultate) erworben wird, das
für eine spätere Promotion benötigt ist.
Auch bei praktischen Themenstellungen sollte -
zumindest bei HS II-Diplomarbeiten - untersucht
werden, ob schon Lösungen für das Problem in der
Literatur beschrieben sind und welche Vor- und
Nachteile die bekannten Lösungen haben.
Die drei vorstehenden Problembereiche treffen
keineswegs immer auf externe Diplomarbeiten zu und
können, sofern anfangs auftretend, i.d.R. durch
Betreuung unsererseits behoben werden. Die
folgenden Punkte treffen auch auf qualitativ gute
Vorschläge für externe Arbeiten zu:
- In der Praktischen Informatik besteht ein
großer Bedarf, die Forschungsaktivitäten der
wissenschaftlichen Mitarbeiter durch Diplomanden zu
unterstützen. Wissenschaftliche Mitarbeiter haben
i.d.R. 4 - 5 Jahre Zeit, ihre Dissertation
anzufertigen. In der Praktischen Informatik sind
für die Forschungsvorhaben regelmäßig umfangreiche
Implementierungsarbeiten durchzuführen, die von den
Mitarbeitern selbst nicht alleine übernommen werden
können, u.a. weil die wissenschaftlichen
Mitarbeiter neben der Forschung auch noch in
erheblichem Umfang in der Lehre eingesetzt werden.
Durch die hohe Anzahl externer Arbeiten (der Anteil
dürfte in den letzten Jahren bei 50 % gelegen
haben) entfällt diese Unterstützung der
wissenschaftlichen Mitarbeiter weitgehend.
Hierdurch bricht eine wesentliche Komponente der
`Personalstruktur' des Forschungsbetriebs weg.
- Statt einer Unterstützung von
Forschungsvorhaben entsteht im Gegenteil durch jede
externe Diplomarbeit für mich selbst und ggf. auch
wissenschaftliche Mitarbeiter regelmäßig ein nicht
unerheblicher Mehraufwand, insb. für die
Einarbeitung in die Themenstellung und sehr häufig
für Diskussionen und Aufwandsschätzungen mit dem
Ziel, überzogene Erwartungen und Planungen auf ein
realistisches Maß zurückzuführen. Diesem Aufwand
steht kein Nutzen im Bereich der primären
dienstlichen Aufgaben gegenüber (nur in seltenen
Ausnahmefällen sind externe Arbeiten auch für
interne Forschungsvorhaben nützlich), er wirkt sich
tendenziell sogar negativ hierauf aus.
- Im Endeffekt handelt es sich bei der Betreuung
externer Arbeiten um Beratungsleistungen und
Qualitätssicherungsmaßnahmen für das Unternehmen,
in dem die Diplomarbeit durchgeführt wird. Auf der
einen Seite kann man hier fragen, wieso überhaupt
öffentlich finanzierte Ressourcen für einzelne
zufällig ausgewählte Unternehmen kostenlos
verfügbar gemacht werden, auf der anderen Seite ist
der Technologietransfer unzweifelhaft eine
wesentliche Aufgabe der Universitäten und in Form
von externen Diplomarbeiten sicherlich sehr wirksam
realisierbar.
- Externe Diplomarbeiten kosten zwar relativ
viel Aufwand, führen aber i.d.R. nicht zu meßbaren
Erfolgsnachweisen. Dieses Argument gewinnt in den
letzten Jahren zunehmend an Schärfe, da die
Fachbereiche immer intensiver evaluiert werden,
dies zunehmend an der Zahl der eingeworbenen
Drittmittel, Zahl der Publikationen oder anderen
relativ leicht meßbaren formalen Kennziffern (über
deren Sinn oder Unsinn man lange und vergebens
debattieren kann). Dem Fachbereich 12 sind
beispielsweise in den letzten Jahren die laufenden
Mittel in erheblichem Umfang gekürzt worden, weil
der Drittmittelumsatz unterdurchschnittlich ist.
Die beiden letzten Punkte legen es nahe, externe
Diplomarbeiten in den Kontext eines kleinen
Drittmittelprojekts einzubetten, in dem der
Arbeitsaufwand des Uni-Personals z.B. in Anlehnung
an die Richtsätze der Deutschen
Forschungsgemeinschaft abgerechnet wird.
Einschlägige Literatur
Deininger, Marcus; Lichter, Horst; Ludewig, Jochen;
Schneider, Kurt: Studien-Arbeiten; B.G.Teubner
Stuttgart; 1992 ISBN 3-519-02156-0
(sehr gut lesbares, kompaktes Bändchen über
das Abfassen von wissenschaftlichen Arbeiten; kann
aus dem Handapparat der Fachgruppe entliehen
werden)