Technische Informatik und Wirtschaftsinformatik
- ein Vergleich



Udo Kelter
Praktische Informatik
Fachbereich Elektrotechnik und Informatik
Universität Siegen, 57068 Siegen
kelter@informatik.uni-siegen.de

November 1999


Inhalt

1. Vorwort

Die Universität Siegen bietet seit langem den Studiengang Technische Informatik an. Seit dem Wintersemester 1998/99 ein weiterer Informatik-Studiengang hinzukommen, die Wirtschaftsinformatik. Diese und noch weitere Informatik-Studiengänge werden auch andernorts angeboten. Dieses Papier ist gedacht für Interessenten an einem Informatik-Studium, die vor der Frage stehen, für welchen der Informatik-Studiengänge sie sich entscheiden sollen. Es führt allgemein in das Wissenschaftsgebiet Informatik, dessen Teilgebiete und die resultierenden Studiengänge ein. Ferner werden die zugehörigen Arbeitsmärkte vorgestellt.

2. Teilgebiete der Wissenschaft Informatik

Informatik ist die Wissenschaft von der automatischen Verarbeitung von Informationen, primär durch Digitalrechner.

2.0.0.1 Historie.

Die Wurzeln der Informatik liegen in der Mathematik und in der Elektrotechnik. In diesen beiden Fachgebieten entstanden schon in den 40er und 50er Jahren dieses Jahrhunderts Spezialgebiete, die sich mit der Informationsverarbeitung befaßten. In den 60er Jahren wuchsen diese isolierten Entwicklungen zu einer eigenständigen neuen Grundlagenwissenschaft zusammen, der Informatik. Die Entwicklung der Informatik verlief - verglichen mit anderen Wissenschaften - sehr stürmisch. Ursache war die immense Bedeutung der Datenverarbeitung in der Wirtschaft und später in fast allen anderen gesellschaftlichen Bereichen. Dies führte gleichzeitig zu einer starken Nachfrage nach Fachleuten und in der Folge zur Bildung Informatik-Studiengängen an vielen deutschen Hochschulen und Fachhochschulen.

2.0.0.2 Teilgebiete der Informatik.

Informatik wird vielfach mit Software-Entwicklung oder noch einfacher mit Programmieren gleichgesetzt. Dies ist zwar eine grobe Vereinfachung und verengt die große Breite des Gebiets auf einen Aspekt, deutet aber in die richtige Richtung. Programme sind Algorithmen, und Algorithmen in den verschiedensten Formen und Sprachen sind wiederum das zentrale Thema der Informatik.

Programme werden nicht um ihrer selbst willen realisiert, sondern um eine reale Aufgabe zu lösen und einen Nutzen zu bewirken. Dieser Nutzen liegt letztlich in einem ``Anwendungsgebiet'' (außerhalb der Informatik), beispielsweise in einer Textverarbeitung, einem betrieblichen Informationssystem, einem Spiel, einer Robotersteuerung oder vielem anderen. Bevor allerdings das Anwendungsprogramm laufen kann, muß zunächst einmal diverse Systemsoftware (Betriebsystem, Netzwerkprotokolle, Graphiksysteme u.a.) und natürlich die Hardware verfügbar sein; diese Systeme sind weitgehend unabhängig vom konkreten Anwendungsfeld. Diese Beobachtung führt zu einer Aufteilung der Informatik als Wissenschaftsgebiet in:

  1. die Kerninformatik: diese umfaßt die anwendungsbereichsunabhängigen Themen

  2. die angewandte Informatik: hierunter faßt man Anwendungen von Methoden der Informatik in anderen Wissenschaften zusammen.

2.0.0.3 Die Kerninformatik

wird üblicherweise weiter unterteilt in drei Hauptgebiete1:
  1. Theoretische Informatik

  2. Praktische Informatik

  3. Technische Informatik


Die Theoretische Informatik legt die mathematischen, formalen Grundlagen für die anderen Gebiete, sie erforscht unter Einsatz mathematischer Methoden und Modelle sozusagen die ``Hebelgesetze'' der Informatik. Beispielsweise kann man zeigen, daß es Probleme gibt, die sich überhaupt nicht mit Algorithmen lösen lassen, oder daß sich viele (häufig auftretende) Probleme mit vertretbarem Aufwand nicht exakt lösen lassen. Um noch einen Vergleich mit der Physik zu wagen: es wird gezeigt, daß es kein perpetuum mobile geben kann. Wichtige Teilgebiete der Theoretischen Informatik sind die Theorie der formalen Sprachen, Automatentheorie, Komplexitätstheorie, Semantik und die Theorie der Datentypen.


Die Praktische Informatik befaßt sich mit einer Reihe von ``praktischen'' Problemen, die zu lösen sind, damit ein Rechner überhaupt benutzbar ist. In diesem Zusammenhang sind meist komplexe Softwaresysteme zu realisieren, die typischerweise dem jeweiligen wissenschaftlichen Teilgebiet seinen Namen geben: Betriebssysteme verwalten die ``nackte'' Hardware und stellen den Benutzern Dateisysteme, parallele Ausführbarkeit von Programmen, Zugriffskontrollen und diverse andere Basisdienste zur Verfügung. Rechnernetze bestehen neben den physischen Verbindungen aus Protokollen, durch die verschiedene Rechner kommunizieren und die z.B. eine gesicherte Datenübertragung ermöglichen. Übersetzer transformieren Programme, die in höheren Programmiersprachen wie C++, Java oder Prolog geschrieben sind, in Maschinensprachen, deren Instruktionen direkt von der Hardware ausgeführt werden können. Datenbanksysteme verwalten umfangreiche Datenbestände und bieten leistungsfähige Funktionen zur Suche in den Daten und zur Erhaltung der Korrektheit der Daten. Die Softwaretechnik befaßt sich mit Methoden zur kosteneffektiven Entwicklung von qualitativ hochwertiger, benutzergerechter Software; hierunter fallen u.a. Methoden für die Systemanalyse, das Projektmanagement und die Qualitätssicherung. Weitere Beispiele für Bereiche der Praktischen Informatik sind Computergraphik, Künstliche Intelligenz und Simulation.


Die Technische Informatik befaßt sich mit dem funktionellen Aufbau und der logischen Struktur von Rechnern und den zugehörigen Geräten. Beispiele für Teilgebiete der Technischen Informatik sind Rechnerarchitektur, Prozeßdatenverarbeitung und Realzeitsysteme, VLSI-Entwurf, Testbarkeit von ICs, Co-Design von Hard- und Software, Robotik oder Nachrichtenübertragung. Einige dieser Teilgebiete weisen starke Bezüge zur Elektrotechnik auf.

2.0.0.4 Die Angewandte Informatik.

Diese untersucht in den unterschiedlichsten Anwendungsbereichen, ob und wie Aufgaben rechnergestützt, also automatisiert, bearbeitet werden können. Untersucht werden die speziellen Anforderungen und Randbedingungen im jeweiligen Anwendungsbereich; hierdurch ergibt sich immer ein starker Bezug zur jeweiligen Fachwissenschaft. Auf Basis der Anforderungsanalysen sind ferner Methoden zur ingenieurmäßigen Entwicklung von Soft- (und ggf. Hard-) ware im jeweiligen Anwendungsgebiet zu entwickeln, beispielsweise Standard-Architekturen oder spezielle Sprachen.

Beispiele für ``angewandte Informatiken'' sind die Wirtschaftsinformatik, Rechtsinformatik, Medizinische Informatik, Ingenieur-Informatik und Medieninformatik. Diese Wissenschaftsgebiete liegen regelmäßig im Überlappungsbereich zwischen der Informatik und der Wissenschaft des Anwendungsbereichs, sind also interdisziplinär.

3. Informatik-Berufsfelder

Einen Ingenieur definiert man als einen wissenschaftlich gebildeten Fachmann der Technik, der technische Gegenstände, Anlagen, Verfahren oder Systeme erforscht, plant, entwirft, konstruiert, fertigt, vertreibt, überwacht oder verwaltet. Diplom-Informatiker sind gemäß dieser Definition Ingenieure für datenverarbeitende Systeme.

Die vorstehende Definition läßt die große Bandbreite der beruflichen Tätigkeiten gut erkennen: angefangen von der Analyse der Benutzeranforderungen und Beratung bei der Systemauswahl, über Systemplanung, -entwurf und -realisierung bis hin zur Installation, Anpassung und Einbettung an lokale Verhältnisse, Einführung und Anwenderschulung. Nicht zutreffend ist der möglicherweise aufkommende Eindruck, Informatiker würden in der beruflichen Praxis fast ausschließlich am Rechner sitzen und an technischen Problemen tüfteln2: ganz im Gegenteil wird in vielen Bereichen die meiste Zeit für die Kommunikation mit Benutzern oder mit Kollegen innerhalb von Entwicklungsteams verwendet und eher weniger als die Hälfte der Arbeitszeit für rein technische Tätigkeiten. Insofern steht Kommunikations- und Teamfähigkeit an oberster Stelle der Qualifikationen, die von Arbeitgebern gewünscht werden.


Die fachlichen Tätigkeiten variieren je nach Art des datenverarbeitenden Systems erheblich: häufig auftretende Klassen von Systemen sind schon oben bei der Praktischen Informatik und bei der Angewandten Informatik aufgezählt worden. Zwei Beispiele wollen wir etwas genauer vorstellen:

Betriebliche Informationssysteme:
bei fast allen geschäftlichen Prozessen werden Informationen benötigt, fallen Daten an. Derartige Informationen werden in immer größerem Umfang rechnergestützt in betrieblichen Informationssystemen verwaltet und weiterverarbeitet: in manchen Branchen (z.B. Banken) sind Betriebe ohne derartige Informationssysteme überhaupt nicht mehr denkbar. In letzter Zeit wird dieser Trend noch verstärkt durch den zunehmenden elektronischen Datenaustausch zwischen Betrieben und durch virtuelle Warenhäuser im WWW. Die Informationssysteme müssen ständig weiterentwickelt werden, z.B. um sich an neue Gesetze und Rahmenbedingungen anzupassen oder um neue Produkte anbieten und verkaufen zu können. Wegen der enormen Verbreitung betrieblicher Informationssysteme stellen diese einen sehr großen, wahrscheinlich den wichtigsten Arbeitsmarkt für Informatiker dar.

Eingebettete Systeme:
immer mehr Gegenstände des Alltags enthalten eingebettete Rechner oder digitale Signalprozessoren. Bei CD-Spielern, Videospielen oder Digitaluhren ist es noch offensichtlich, bei Heizungen, Waschmaschinen und anderen Küchengeräten schon weniger. Moderne PKWs enthalten Dutzende von Rechnern und könnten auch als fahrbare Rechnernetze bezeichnet werden. Gemeinsam ist all diesen Beispielen, daß die eingebetteten Rechner typischerweise Steuerungs- und Regelungsaufgaben übernehmen (die früher von mechanischen oder elektrischen Komponenten erledigt wurden), daß sie Daten von Sensoren in bestimmten Zeitlimits übernehmen und auswerten und über entsprechende Wandler Motoren und sonstige Stellglieder steuern.

An den beiden vorstehenden Beispielen läßt sich erahnen, daß Informatiker nicht nur Kenntnisse in der Informatik haben müssen, sondern auch Kenntnisse in einem anderen Fachgebiet; in den beiden vorstehenden Beispielen wäre es die Wirtschaftswissenschaft bzw. Elektrotechnik.


Die immense thematische Bandbreite innerhalb der Kerninformatik und den Anwendungsgebieten kann nicht von einer Person abgedeckt werden; daher werden größere EDV-Systeme heute immer in mehr oder weniger großen Teams (typischerweise in der Größenordnung von 10 - 1000 Personen) entwickelt, in denen Entwickler mit unterschiedlichen Spezialkenntnissen zusammenarbeiten. Hieraus ergeben sich folgende Richtlinien und Randbedingungen für die Ausbildung von Informatikern:


4. Informatik-Studiengänge

Aufgrund dieser Überlegungen werden bei allen Informatik-Studiengängen im Grundstudium Grundlagen in der praktischen, theoretischen und technischen Informatik vermittelt; hinzu kommt notwendiges Vorwissen in Mathematik. Im Hauptstudium werden diese Bereiche vertieft, wobei unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt werden.

Alle Informatik-Studiengänge sehen ferner ein Anwendungsfach vor: Hierbei sollte es sich im Prinzip um einen Bereich der Angewandten Informatik handeln. Der Anteil des Anwendungsfachs im Curriculum unterscheidet sich bei den verschiedenen Studiengängen deutlich4:

Abbildung: Fächerverteilung beim klassischen Diplom-Studiengang Informatik
\begin{figure*}
\unitlength1cm
\begin{center}
\begin{picture}(7.2,3.0) % Brei...
...psfile=kerninf.eps}
\end{picture}\end{center} \llabel {fig-kerninf}\end{figure*}


Klassischer Diplom-Studiengang Informatik:
hier liegt etwa eine 80:20-Verteilung zwischen Informatik und Neben- bzw. Anwendungsfach vor (s. Bild [*]. Die Erfahrung zeigt allerdings, daß bei diesem Umfang die Kenntnisse im Nebenfach eher bruchstückhaft und zufällig gestreut bleiben, so daß im Berufsleben nachgeschult werden muß. Es ist aber nicht praktikabel, auf diese Weise nachträglich ein fundiertes Grundlagenwissen in einem Anwendungsfach zu erwerben. Als Reaktion auf dieses Problem entstanden


``Angewandte Informatiken'',
beispielsweise die Wirtschaftsinformatik: der Anteil des Anwendungsfachs beträgt hier zwischen 30 und 50 % (s. Bild [*]. Diese Studiengänge sind stärker interdisziplinär ausgerichtet. Sie werden typischerweise nach demjenigen wissenschaftlichen Teilgebiet der Angewandten Informatik benannt, das zwischen der Informatik und dem jeweiligen Anwendungsfach liegt. Natürlich ist nicht nur dieses spezielle Wissenschaftsgebiet Gegenstand des Studiums, sondern auch die Grundlagen der Informatik und des jeweiligen Anwendungsfachs5.

Abbildung: Fächerverteilung bei einer interdisziplinären Angewandten Informatik
\begin{figure*}
\unitlength1cm
\begin{center}
\begin{picture}(9.6,5.4) % Brei...
...psfile=ang_inf.eps}
\end{picture} \end{center} \llabel {fig-anginf}\end{figure*}


Die beiden in Siegen angebotenen Informatik-Studiengänge sind im oben definierten Sinn interdisziplinäre Angewandte Informatiken (Details s. Abschnitt [*].


Bei der Technischen Informatik ist die Elektrotechnik das Anwendungsfach; typische (aber keineswegs ausschließliche) Arbeitsgebiete von Technischen Informatikern sind die Entwicklung eingebetteter Systeme, Rechnernetze oder ICs, Robotik und Fabrikautomation.

Die Bezeichnung Technischen Informatik wird bundesweit leider nicht einheitlich verwendet. Statt Technische Informatik wird teilweise die Bezeichnung Ingenieur-Informatik verwendet. Mit Ingenieur-Informatik wiederum werden teilweise Studiengänge bezeichnet, die andere Ingenieurfächer als Anwendungsfach haben, bspw. den Maschinenbau oder die Chemietechnik. Ferner ist der Anteil des Anwendungsfachs vielfach nur im Bereich von 30 %, so daß unklar ist, ob tatsächlich ein interdisziplinärer Studiengang vorliegt. Bei Vergleichen zwischen Angewandten Informatiken an verschiedenen Hochschulen müssen daher leider diese Merkmale immer im Einzelfall geprüft werden.


Bei der Wirtschaftsinformatik sind die Wirtschaftswissenschaften, insb. die Betriebswirtschaftslehre, das Anwendungsfach. Typisches Arbeitsgebiet von Wirtschaftsinformatikern ist die (Weiter-) Entwicklung von betrieblichen Informationssystemen; dies umfaßt die Entwicklung von Basissystemen (Datenbanksysteme, neuerdings auch multimediale Benutzungsschnittstellen), Weiterentwicklung und Anpassung von Standardpaketen und Analyse neuer Anwendungen.

5. Grobstruktur des Informatik-Studiengänge an der Universität Siegen

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5.1 Gemeinsamkeiten

Beide Studiengänge werden in einer Kurz- und Langzeitversion angeboten. An ein Grundstudium von 4 SWS Dauer schließt sich ein 2- bzw. 4-semestriges Hauptstudium an. Die prüfungsrelevanten Umfänge in SWS (Semesterwochenstunden) sind in der folgenden Tabelle angegeben:



\begin{tabular}{\vert l\vert c\vert c\vert c\vert}
\hline
Studiengang & Grundstu...
...& 81 & 50 & 78 \\
Wirtschaftsinformatik & 80 & 43 & 68 \\
\hline
\end{tabular}


Die Informatik-Anteile beider Studiengänge sind weitgehend identisch. Wichtige grundlegende Themen bzw. Fächer sind:

Um zumindest Grundkenntnisse in allen wichtigen Bereichen der praktischen Informatik zu erzielen, wurde vor kurzem in Siegen eine völlig neue Struktur für das Hauptstudium entwickelt: diese basiert auf dem Konzept der Informatik-Kernfächer. Es handelt sich hierbei um Veranstaltungen im Umfang von 2V+1Ü, die typischerweise aus Anwendungssicht in ein Fach des Hauptstudiums einführen. Die Liste der Kernfächer ist:

Durch die weitgehend obligatorischen Kernfächer wird eine sehr gute Allgemeinbildung in der praktischen Informatik und dadurch eine hohe praktische Lösungskompetenz erreicht. Aufbauend auf die Kernfächer werden im Hauptstudium vertiefende Fächer angeboten, wobei diese Fächerkataloge bei beiden Studiengängen variieren.

In beiden Studiengängen ist im Grundstudium ein Programmierpraktikum und im Hauptstudium eine Projektgruppe vorgesehen; in beiden Praktika wird in Gruppen gearbeitet, wobei das Programmierpraktikum primär der Vertiefung allgemeiner Programmierkenntnisse dient, während die Projektgruppe ein anwendungsbezogenes Problem, ggf. sogar in Kooperation mit externen Institutionen, bearbeitet.

5.2 Technische Informatik

Im Grundstudium werden Grundlagen sowohl in der Informatik wie auch der Elektrotechnik vermittelt, wobei die Schwerpunkte bei der praktischen und technischen Informatik liegen.

Im Hauptstudium sind neben den schon erwähnten Informatik-Kernfächern weitere Informatik- und Elektrotechnik-Veranstaltungen zu belegen, wobei ein sinnvoller Schwerpunkt zu bilden ist. Intendiert sind vor allem Schwerpunkte im Bereich der Technischen Informatik, möglich sind aber auch Schwerpunkte im Bereich der Praktischen Informatik oder Elektrotechnik6.

Der Studiengang Technische Informatik wird bis auf die Mathematik-Anteile allein vom Fachbereich 12 Elektrotechnik und Informatik angeboten.

5.3 Wirtschaftsinformatik

Im Grundstudium werden Grundlagen vor allem in der Informatik (incl. mathematische Grundlagen), der Betriebswirtschaftslehre und der Wirtschaftsinformatik vermittelt.

Das Hauptstudium umfaßt Informatik-Kernfächer, vertiefende Veranstaltungen in der BWL und der Wirtschaftsinformatik und einen Wahlbereich. Ferner ist ein zusätzliches Praktikum über betriebliche Anwendungssysteme vorgesehen.

Dieser Studiengang ist dem Fachbereich 5 Wirtschaftswissenschaften zugeordnet. Die Mathematik-Anteile übernimmt der Fachbereich 6 Mathematik, die Informatik-Anteile der Fachbereich 12.

5.4 Vergleich der beiden Studiengänge

Bei einer Entscheidung zwischen den beiden Studiengänge können verschiedene Entscheidungskriterien herangezogen werden:

5.4.0.1 Notwendige Vorkenntnisse bzw. ``Begabungen'':

Generell sind für Informatik-Studiengänge gute Mathematik-Kenntnisse erforderlich. Dabei kommt es eigentlich weniger auf die konkreten mathematischen Inhalte oder Rechenverfahren an, sondern auf die allgemeine Denkschulung: wichtig ist die Fähigkeit, formal exakt und logisch einwandfrei zu arbeiten, Probleme auf einen abstrakten Kern zu reduzieren, auf dieser Basis allgemeine Lösungsverfahren zu finden und diese wieder auf konkrete Beispiele anzuwenden. Ein Leistungskurs in Mathematik ist nicht erforderlich. Ein Grund- oder Leistungskurs in Informatik wird nicht vorausgesetzt.

Bei der Technischen Informatik sind zusätzlich Kenntnisse in (oder zumindest Interesse an) Physik oder Chemie wünschenswert, da sich die Technische Informatik vielfach mit physikalischen Phänomenen befassen muß. Wer Interesse an Robotik, Anlagensteuerung, Rechnernetzen und Ähnlichem hat, sollte die Technische Informatik wählen.

Bei der Wirtschaftsinformatik sind stattdessen Kenntnisse in bzw. Interesse an betrieblichen und volkswirtschaftlichen Strukturen, Management, Recht, Marketing und Finanzwirtschaft wünschenswert, da betriebliche Anwendungssysteme immer als Mittel zur Verbesserung der Leistungsfähigkeit und Konkurrenzfähigkeit von Unternehmen gesehen werden müssen.

5.4.0.2 Arbeitsmarkt:

Der eng aufgefaßte, exakt am Kenntnisprofil orientierte Arbeitsmarkt für Wirtschaftsinformatiker ist sehr groß, der für Technische Informatik vergleichsweise kleiner, aber immer noch umfangreich. Die Arbeitsmärkte sind indessen nicht wirklich scharf getrennt. Da beide Studiengänge eine breite Allgemeinbildung in praktischer Informatik vermitteln, kommt aber im Prinzip der gesamte, sehr große Informatik-Arbeitsmarkt in Betracht. Zu beachten ist auch, daß sich das Tätigkeitsprofil nach einigen Berufsjahren erheblich verschieben kann.

Diese strukturellen Aspekte werden überlagert von der konjunkturellen Lage. Diese ist seit etwa 1997 durch einen starken Nachfrageüberhang nach Informatikern gekennzeichnet. Ursachen sind einerseits seit Jahren sinkende Anfängerzahlen in der Informatik, andererseits eine stark wachsende Nachfrage infolge einer Reihe von Faktoren: Euro-Umstellung und europäische Währungsunion, Jahr-2000-Problem, Multimedia-Boom, jetzt aufkommender elektronischer Handel und virtuelle Unternehmen usw. Der Nachfrageüberhang wird mittelfristig nicht abgebaut werden können, daher ist noch auf Jahre hinaus mit sehr guten Arbeitsmarktchancen für alle Informatiker zu rechnen.



Fußnoten

... Hauptgebiete1
s. Duden Informatik; Dudenverlag; 1988
... tüfteln2
Mancherorts ist die Vorstellung von der Informatik sogar noch geprägt vom Bild des Hackers, der die Nächte am Rechner verbringt. Dies ist ungefähr so korrekt wie die Meinung vieler Amerikaner, daß die wichtigste Stadt in Deutschland Heidelberg und das wichtigste Ereignis das Oktoberfest ist.
... weiterentwickeln3
Als Beispiel sei die Programmiersprache Java genannt, die innerhalb weniger Jahren sehr stark verbreitet worden ist.
... deutlich4
Die folgenden Zahlen sind nur als grob gerundete Werte bei typischen Studienverläufen zu verstehen. Das Fächerangebot unterscheidet sich vielfach zwischen verschiedenen Standorten. Manche Veranstaltungen liegen auf der Grenze zwischen den Bereichen und können mehr oder weniger willkürlich zugeordnet werden. Schließlich sehen die DPOs fast immer in signifikatem Umfang Wahlmöglichkeiten vor, durch die die Fächeranteile individuell verschoben werden können.
... Anwendungsfachs5
Man beachte, daß daher mit dem gleichen Namen einmal ein engeres Themenspektrum (als Wissenschaftsgebiet) und das andere Mal ein breites Themenspektrum (als Curriculum) bezeichnet wird.

Dies erklärt auch den scheinbar kuriosen Zustand, daß es z.B. im Studiengang Wirtschaftsinformatik eine Vorlesung ``Einführung in die Wirtschaftsinformatik'' gibt; diese bezieht sich natürlich nicht das Themenspektrum des Curriculums, sondern nur das des Wissenschaftsgebiets.

... Elektrotechnik6
Wer einen Schwerpunkt in der Elektrotechnik anstrebt, sollte allerdings besser von vorneherein den Studiengang Elektrotechnik wählen, da dieser Studiengang wesentlich bessere Grundlagenkenntnisse in der Elektrotechnik vermittelt; ohne diese Grundlagen sind die meisten fortgeschrittenen Themen der Elektrotechnik nicht sinnvoll studierbar.


Kommentare und Fragen bitte an Udo Kelter, Fachgruppe Praktische Informatik, FB 12, Univ. Siegen,