Juli 2000
Neue Medien durchdringen in unserer sich abzeichnenden ``Informationsgesellschaft'' alle relevanten gesellschaftlichen Bereiche wie Wirtschaft, Industrie, Verwaltung und Bildung und betreffen Aspekte wie:
Technische Grundlage der neuen Medien sind die
Digitalisierung vormals analoger oder physischer Medien
und Vernetzung in digitalen Netzwerken. Diese
Technologien entwickeln sich seit langem anhaltend und
rasant fort, was sich in immer leistungsfähigeren
Rechnern, größeren Massenspeichern und höheren
Bandbreiten in Netzwerken äußert; ein Ende der
Entwicklung ist noch nicht absehbar. Trotz gestiegener
Leistung sinken gleichzeitig die Preise der Produkte;
letzteres schafft die Basis für immer neue Anwendungen in
breiten Märkten. Hinzu kommen psychologische oder
politische Trends
.
Durch den Einsatz neuer Medien entstehen vielfältige berufliche Aufgaben bei ganz unterschiedlichen Klassen von Arbeitgebern bzw. Wirtschaftszweigen; Beispiele sind:
Die beruflichen Perspektiven im Medienbereich werden generell als sehr gut eingeschätzt, speziell auch in NRW. Beispielhaft ist folgendes Zitat [1]:
``Medienwirtschaft in Nordrhein-Westfalen -- wie kaum eine andere Wirtschaftsbranche steht die Medienwirtschaft für den Strukturwandel im Lande. Keine andere europäische Region hat in den letzten Jahren eine solche Entwicklung auf dem Mediensektor erlebt wie Nordrhein-Westfalen. Wir sind heute der Medienstandort Nummer 1 in Deutschland. Ein Gutteil der Medienwirtschaft Nordrhein-Westfalens konzentriert sich in der Region Köln, aber nicht nur dort, sondern an vielen anderen Standorten im Lande haben sich Medienunternehmen niedergelassen und bieten eine breite Palette von Beschäftigungsmöglichkeiten an.''
Durch die neuen Medien entstehen auch in der Forschung vielfältige Fragestellungen. Diese betreffen zum einen die technologischen Grundlagen. Beispiele hierfür sind Algorithmen in der Computergraphik, Bilderkennungsalgorithmen, Netzwerkprotokolle und Datenübertragungstechniken, Netzwerk-Programmiersprachen, Algorithmen zum Retrieval in multimedialen Datenbanken und vieles andere mehr.
Ebensowichtig sind Fragen im Zusammenhang mit der Nutzung und inhaltlichen Gestaltung der neuen Medien, die im spezifischen Kontext der Anwendungsbereiche zu untersuchen sind. Zusätzliche Querschnittsfragenstellungen betreffen die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen.
Durch den Einsatz neuer Medien entstehen viele neue berufliche Aufgaben. Diese betreffen inhaltliche, technische und organisatorische Aspekte. Eine Vielzahl von Bezeichnungen für entsprechende Qualifikationen tritt in Stellenanzeigen und Fortbildungsangeboten auf; diese Vielfalt an Bezeichnungen ist insofern irreführend, als es tatsächlich nur wenige, immer wiederkehrende Kernkompetenzen gibt. Nach den Aussagen wichtiger Arbeitgeber und aufgrund von Arbeitsmarktanalysen [3] sollten Studenten hinsichtlich ihrer Berufschancen den Arbeitsmarkt wie folgt einschätzen:
Wegen des Umfangs der Bereiche ist es fraglich, ob man sich in einem zügig absolvierten Studium in mehrere Kernkompetenzen zum Experten heranbilden kann. Eher negativ eingeschätzt wird eine fehlende Profilierung, wenn auf mehreren Gebieten nur Halbwissen vorhanden ist.
Wir konzentrieren uns i.f. auf das Gebiet der Medienprogrammierung. Hier stellt sich die Frage, ob die Basis eine Ausbildung für die Medienprogrammierung eher im geisteswissenschaftlichen Bereich oder im technischen Bereich, also in der Informatik, liegen soll, natürlich mit ergänzenden Fächeranteilen im jeweils anderen Bereich. Beide Varianten sind nicht undenkbar; für die Informatik als Basis sprechen zwei Argumente:
Der Begriff Medieninformatik ist noch jung und noch nicht fest etabliert.
Die Konzeption der Medieninformatik in Siegen basiert direkt auf den generellen Überlegungen zum Spektrum der Medienberufe und -kompetenzen, die im vorigen Abschnitt vorgestellt wurden. Die Medieninformatik zielt somit auf das Arbeitsmarktspektrum der Medienprogrammierung.
Der Begriff Medieninformatik ist ferner durch einige Medieninformatik-Studiengänge an Fachhochschulen vorgeprägt, die entweder geplant oder bereits seit Jahren installiert sind. Diese Studiengänge sind ebenfalls konsistent mit der Vorstellung, daß die Kernkompetenzen eines Medieninformatikers im Bereich Medienprogrammierung liegen.
Generell zielt die Medieninformatik auf technische Problemstellungen im Kontext neuer Medien.
Vordergründig am sichtbarsten ist die Entwicklung multimedialer Systeme bzw. Produkte; dies umfaßt den Entwurf, die Realisierung und ggf. Installation und laufenden Betrieb. Beispiele derartiger Systeme sind:
Da diese Systeme überwiegend aus Software bestehen, spielt die Software-Entwicklung eine entscheidende Rolle. Oft werden klassische Programmiersprachen durch neuere Sprachen wie Java, Javascript oder Perl ergänzt oder ersetzt. Infolge der hohen visuellen Anteile der Systeme spielen Computer-Graphik oder sogar Computer-Animationen eine wesentliche Rolle. Vielfach sind Audio- und/oder Video-Medien zu erstellen und zu verwalten.
In sehr vielen Fällen sind die Systeme verteilt (WWW-Server, Video-Server, Tele-Teaching usw); hierzu sind Infrastrukturen wie Netze oder Server zu planen, zu konfigurieren und zu überwachen.
Die vorgenannten primären Aufgaben können vielfach wiederum nur rechnergestützt erledigt werden und erfordern hierzu Werkzeuge zur Anwendungsentwicklung, Konfigurierung oder Betriebsüberwachung. Die Entwicklung oder Auswahl, Bewertung und Konfigurierung solcher Werkzeuge ist ein wichtiger sekundärer technischer Aufgabenbereich.
Weiterhin müssen Firmen, Behörden und andere Anwender über die technische Machbarkeit von Systemen beraten werden.
Absolventen des Studiengangs Medieninformatik sollen imstande sein, technisch anspruchsvolle praktische Aufgaben bzw. Forschungsprobleme in den vorgenannten Bereichen zu bearbeiten.
Derzeit herrscht generell ein starker Nachfrageüberhang nach Informatikern, insb. auch nach Medieninformatikern. In einschlägigen Berichten über den Arbeitsmarkt wird seit einiger Zeit regelmäßig festgestellt, daß qualifizierte Informatiker ``händeringend gesucht'' werden und daß eine Ausweitung der geschäftlichen Tätigkeit durch den Mangel an qualifizierten Arbeitskräften verhindert wird. Die Gehälter für frische Informatik-Absolventen sind inzwischen derart angestiegen, daß es schwierig geworden ist, offene BAT IIa-Stellen mit ihnen zu besetzen.
Der Nachfrageüberhang nach Informatikern kann
voraussichtlich noch nicht einmal mittelfristig
abgebaut werden, da die Anfängerzahlen in der
Informatik jahrelang gefallen sind
, während gleichzeitig die Nachfrage gestiegen ist.
Daher sind die Berufsaussichten für Medieninformatiker
derzeit und auf absehbare Zeit als sehr gut bis exzellent
einzuschätzen.
Geplant ist ein Studiengang Angewandte Informatik mit Anwendungsfach Medienwissenschaften, kurz als Medieninformatik bezeichnet. Der formelle Abschluß ist Diplom-Informatikerin bzw. Diplom-Informatiker. Die Einführung wird zum Wintersemester 2000/01 angestrebt.
Die Grobstruktur des Curriculums ergibt sich relativ kanonisch aus den oben beschriebenen Qualifikationsanforderungen bzw. Aufgabenfeldern. Wesentliche Merkmale dieser Struktur sind:
Gemeinsam haben die klassische Informatik und die Medieninformatik die Grundlagen der Informatik (incl.\ mathematischer Grundlagen) und weite Teile der praktischen Informatikfächer im Hauptstudium; in dieser Hinsicht ist ein Wechsel zwischen beiden Fächern relativ problemlos möglich.
Der geplante neue Studiengang Medieninformatik ist im Vergleich dazu wesentlich technischer orientiert. Auch von der Vorbildung her richtet er sich eher an Studenten, die ein deutliches Interesse bzw. Begabung im technischen Bereich haben.
Die generellen Vorteile der Medieninformatik wie
Aktuelle und detailliertere Informationen zum Studiengang Angewandte Informatik sind in Kürze unter http://www.informatik.uni-siegen.de und über das Dekanat des Fachbereichs 12 der Universität Siegen (Tel. 0271-740-4428) erhältlich.
Udo Kelter
Praktische Informatik
Fachbereich Elektrotechnik und Informatik
Universität Siegen, 57068 Siegen
kelter@informatik.uni-siegen.de
http://pi.informatik.uni-siegen.de/kelter