Anschauungsmaterial für die Verständigungsschwierigkeiten zwischen Informatikern und Anwendern am Beispiel der Umstellung der deutschen Schriftsprache

Ein zentrales Problem in den frühen Phasen der Systementwicklung besteht darin, daß Informatiker die Anforderungen der Anwender verstehen müssen, was wiederum bedingt, eine gemeinsame Sprachregelung zu finden. Es kommt erfahrungsgemäß immer wieder zu gravierenden Fehlinterpretationen und Mißverständnissen, weil Informatiker die Aussagen von Anwendern zu sehr wörtlich nehmen, zu sehr formallogisch verstehen, Begriffe falsch interpretieren und / oder die eigentlichen Absichten der Anwender und Randbedingungen nicht richtig einschätzen. Betrachten wir hierzu folgende Aussagen von Politikern (zitiert aus dem Hamburger Abendblatt vom 14.9.1999):



Landtag hebt Volksentscheid wieder auf
Rechtschreibreform an Schleswig-Holsteins Schulen -
Bekenntnis zu direkter Demokratie

Kiel - In dieser Woche wird der Landtag in Kiel die Rechtschreibreform an Schleswig-Holsteins Schulen auf den Weg bringen und damit den einzigen erfolgreichen Volksentscheid im Land schon nach knapp einem Jahr wieder aufheben. Trotzdem bekennen Politiker aller Parteien sich zur direkten Demokratie, die sie sogar stärken wollen.
Die Volksgesetzgebung habe sich bewährt, müsse aber vereinfacht werden, sagte der Rechtsexperte der SPD-Fraktion, Klaus-Peter Puls. Sein Appell an das Volk bleibe: "Mischt euch ein!" Sein CDU-Kollege Klaus Schlie sieht das genauso. Das Volk müsse die Möglichkeit haben, politische Beschlüsse zu korrigieren. Das Parlament sei mit der geplanten Reform der Volksgesetzgebung auf dem richtigen Weg, sagte er.
.....



Ein typischer Denkfehler, der einem Informatiker hier unterlaufen könnte, ist der, einen eklatanten Widerspruch zu sehen zwischen Aussagen, daß das Volk politische Beschlüsse korrigieren können müsse, daß es sich einmischen möge und daß alle Parteien sich zur direkten Demokratie bekennen, während gleichzeitig der Wille des Volkes mißachtet, seine Einmischung in die Politik einmütig von den Machthabern zurückgewiesen wird und faktisch die direkte Demokratie ab absurdum geführt wird. Dieser scheinbare Widerspruch läßt sich aber durch eines oder mehrere der folgenden Erklärungsmuster leicht auflösen:

Diese Liste von Erklärungsmustern erhebt keineswegs Anspruch auf Vollständigkeit, erfahrungsgemäß liegen in solchen Fällen multifaktorielle, gruppendynamisch geprägte, mithin sehr komplexe Entscheidungsprozesse vor, die sich eben gerade nicht auf simple formallogische Formeln reduzieren lassen, was von Informatikern immer wieder gerne, aber vergebens versucht wird.

Das vorstehende Beispiel führt zu der generellen Frage, ob es ein Lernziel der Informatik-Ausbildung sein kann, mit solchen nur bei oberflächlicher Betrachtung widersprüchlich oder dreist verlogen erscheinenden Aussagen von Anwendern angemessen umzugehen. Die Antwort wäre sicherlich nein, wenn diese Phänomene ausschließlich auf den Bereich der Politik beschränkt wären, denn Software zur Unterstützung politischer Entscheidungsprozesse stellt keinen relevanten Arbeitsmarkt dar. Die Phänomene treten aber - wenn auch in stark abgemilderter Form - z.B. bei der Entwicklung gewöhnlicher Informationssysteme auf, wo ebenfalls deutliche Differenzen zwischen formeller und tatsächlicher Entscheidungsgewalt beobachtet werden können und die relevanten Entscheidungen nicht schriftlich fixiert sind. Lernziel für Informatiker müßte demnach sein, die tatsächlichen Machtstrukturen einer Organisation zu analysieren zu können, um gezielt die Anforderungen der faktischen Machtinhaber erfassen zu können und, auch im Sinne der generell anzustrebenden Aufwandsminimierung, nur den unbedingt notwendigen Aufwand zur Analyse der Anforderungen der formellen, aber nicht faktischen Machtinhaber zu investieren.