28.5.2004 Die Fragen stellte Hubert Spiegel Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 123 / Seite 39 *) Dieses Chaos hält kein Deutscher aus Gespräch mit dem Verleger Michael Klett über die Rechtschreibreform Während viele belletristische Verlage nach wie vor den bewährten Rechtschreibung folgen, sind Schulbuchverlage gezwungen, den neuen Regeln zu gehorchen. Widerstand scheint zwecklos. Jetzt hat die Verlegerin Karin Pfeiffer-Stolz jedoch erklärt, sie wolle nicht länger für Bücher verantwortlich sein, deren Sprache fehlerhaft und schwer verständlich ist. Der Dürener Stolz Verlag wird künftig keine Lernhilfen für den Unterricht mehr publizieren, die den neuen Rechtschreibregeln folgen (F.A.Z. vom 26. Mai). Wir haben mit dem Verleger Michael Klett über die Situation der Schulbuchverlage und seine Haltung zur Rechtschreibreform gesprochen. Der Klett-Verlag zählt zu den größten und traditionsreichsten Schulbuchverlag im Land. F.A.Z. Können Sie die Haltung Ihrer Kollegin Karin Pfeiffer-Stolz nachvollziehen? Ja, das kann ich gut. Warum handelt der große und einflußreiche Klett-Verlag dann nicht genauso? Frau Pfeiffer-Stolz publiziert genehmigungsfreie Lernhilfen und da kann sie die alte Rechtschreibung einsetzen, weil den Lehrern das Rechtschreib-Durcheinander mittlerweile leider weitgehend egal geworden ist. Der Klett-Verlag publiziert aber im Schwerpunkt Unterrichtswerke, die nach Lehrplänen auszurichten sind und von den Kultusministern genehmigt werden müssen. Mit dem Drucken in der alten Rechtschreibung würden wir riskieren, daß unsere Bücher nicht genehmigt werden. Wir müßten aber auch mit mittelbaren Schädigungen rechnen, wenn wir unsere zusätzlichen Lernhilfen in der alten Rechtschreibung druckten und die Schulbücher in der neuen. Wie fühlt sich eigentlich ein Schulbuchverleger, der weiß, daß seine Publikationen das Lernen nicht erleichtern, sondern erschweren, weil sie unsinnigen Verordnungen gehorchen müssen? Er fühlt sich überhaupt nicht wohl. Und mein Leid ist, daß ich hin- und hergezerrt werde zwischen meinem kulturellen Gewissen, das sagt und weiß, wie unnötig und unsinnig diese sogenannte Reform ist, und andererseits meiner Verantwortung gegenüber meinem Unternehmen, seiner Position, seinen Arbeitsplätzen und so weiter. Ich hätte, und das werfe ich mir heute vor, als die Reform durchgesetzt wurde, protestieren müssen. Immerhin aber publiziert Klett-Cotta, wo immer es geht, grundsätzlich in der alten Rechtschreibung. Lehrer und Schüler werden seit Jahren mit immer neuen Regeln, Varianten und Ausnahmen traktiert. Sind mittlerweile wirklich alle so schicksalergeben, wie Sie vorhin sagten? Soweit ich das übersehe, schwankt die Stimmung in den Schulen zwischen Resignation und Wut. Die Befürworter der Reform führen gern ein rein ökonomisches Argument ins Feld: Die Rückkehr zur bewährten Rechtschreibung sei vor allem den Schulbuchverlagen nicht zuzumuten, da die dann erforderlichen Neuausgaben hohe Kosten verursachten. Stimmt das? Dieses Argument wäre nur dann triftig, wenn die alte Rechtschreibung mit einem Schlag wieder eingeführt würde. Da hülfen auch Übergangsfristen nicht. Die Einführung der neuen Rechtschreibung vor ein paar Jahren hat uns sehr viel Geld gekostet, weil der Wettbewerb uns zwang, in zwei Jahren den größten Teil unseres Sortiments umzustellen. Ich halte aber eine Rückkehr ohne weiteres für möglich, wenn die neue Rechtschreibung sozusagen tröpfchenweise zurückgenommen würde und man gleichzeitig für eine gewisse Zeit beide Schreibungen zuließe. Werden die Schulbuchverleger also politisch instrumentiert, wenn es heißt, sie würden eine Rückkehr zu den bewährten Regeln nicht mittragen? Ich meine, sie lassen sich instrumentieren. Jedenfalls verhält unser Verband sich so, der sich ja beugen muß, aber wenigstens vernehmlich mit den Zähnen knirschen könnte, anstatt auch noch Hurra zur neuen Rechtschreibung zu schreien. Was muß noch geschehen, damit die Kultusminister endlich Einsicht zeigen? Zunächst einmal glaube ich, daß viele Kultusminister bereits die Einsicht haben, daß es bei dem aktuellen Zustand nicht bleiben kann, wobei sie jetzt vor dem Problem stehen, wie die Kuh vom Eis zu kriegen ist. Aber zu Ihrer Frage: Das Tohuwabohu, also das orthographische Chaos an Schulen, die Resignation von Lehren und Eltern undsoweiter, all dies wird und muß noch eine Weile so weitergehen - auf die Dauer, das werden Sie sehen, hält das kein Deutscher aus, nicht einmal bei seiner Sprache.