09.03.2004 Dankwart Guratzsch Die Welt *) Man kann nicht reformieren, was man nicht versteht Sprachwissenschaftler kritisieren die Folgen der Rechtschreibumstellung an den Schulen Die Kultusministerkonferenz hat ihre Entscheidung über die Verbindlichkeit der neuen Rechtschreibung an den Schulen in aller Stille überraschend auf Juni vertagt; bis dahin soll es zu einer erneuten Überarbeitung der neuen Regeln kommen, zu der die Zwischenstaatliche Kommission in Mannheim nun die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt hinzuziehen soll. Während dessen wird die Kritik immer lauter. Über die Umsetzung der Regeln an den Schulen sprach Dankwart Guratzsch auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Sprachwissenschaft mit den Leitern der Arbeitsgruppe Orthographietheorie und Rechtschreibunterricht, Ursula Bredel und Hartmut Günther. DIE WELT: Vor sieben Jahren hat der Vorstand Ihrer Gesellschaft gewarnt: Die vorgeschlagene Reform entspricht nicht dem Stand der wissenschaftlichen Forschung. Beobachten Sie, dass den Schülern die Handhabung der Rechtschreibung heute leichter fällt als vor der Reform? Ursula Bredel: Wir unterscheiden zwischen Neulernern und Umlernern, also solchen Schülern, die von Anfang an nur die neuen Schreibweisen gelernt haben, und solchen, die noch die herkömmliche Rechtschreibung kennen. Über die zweite Gruppe gibt es noch kaum Untersuchungen. Die erste ist immer noch nicht groß genug, um unter didaktischer Perspektive beurteilen zu können, was tatsächlich leichter geworden ist. Hartmut Günther: Ich habe noch von keinem einzigen Lehrer bestätigt bekommen, dass weniger Fehler gemacht werden. Die Rechtschreibung ist an einigen Punkten im Gegenteil erschwert worden. DIE WELT: Gilt das auch für die Neulerner? Bredel: Besonders für sie. Denn durch die neuen Regeln ist die Systemhaftigkeit der Orthographie verloren gegangen. Neulerner begegnen deshalb der Rechtschreibung mit weniger günstigen Voraussetzungen. Günther: Es wird ja oft übersehen: Das alte System war recht gut. Bredel: Schlecht war nur die Erläuterung der alten Regeln, wie sie zum Beispiel in den Schulen gelernt werden sollte. DIE WELT: Nennen Sie ein Beispiel! Bredel: Nehmen Sie die alte Duden-Regel 60: Substantive werden groß geschrieben. Dazu mussten dann Ausnahmen, Ausnahmen der Ausnahmen und womöglich Ausnahmen von den Ausnahmen der Ausnahmen gelernt werden. Aber man hätte alles in eine einzige Regel zusammenfassen können: Groß geschrieben werden erweiterbare Kerne von nominalen Gruppen. Der Satz ersetzt 44 Duden-Regeln. DIE WELT: Ist das für Kinder erlernbar? Bredel: Das ist die Aufgabe der Schule. Die Erfahrung zeigt, dass sich Kinder dafür spielerisch begeistern lassen. Wenn Sie solche Erweiterungen vorführen, etwa: Der (kleine) Hund jagt die (große) Katze auf den (kahlen) Baum, dann machen die Kinder selbst weiter und haben keine Schwierigkeiten mehr mit Schreibweisen, die früher Probleme bereiteten: das (bessere) Selbst, das (eigene) Ich. Wir müssen erklären, was los ist, und nicht gleich die Orthographie verändern. DIE WELT: Also war die Rechtschreibreform überflüssig? Günther: Wir waren strikt gegen die Reform. Man kann nicht etwas reformieren, was man selbst nicht versteht. Bredel: Voraussetzung hätte sein müssen, dass man sich das System erst einmal genau ansieht. Das ist nicht geschehen. Es gab nicht einmal eine empirische Analyse, wie Kinder Rechtschreibung lernen. Man darf sich deshalb nicht wundern, wenn sich die Erwartungen nicht erfüllen. DIE WELT: Die ständigen Nachbesserungen scheinen das zu bestätigen. Günther: Und diese unumgänglichen Nachbesserungen führen zu immer neuen Problemen. In einer Reihe von Bereichen ist die Einheitlichkeit der Rechtschreibung durcheinander geraten. DIE WELT: Wo liegen die größten Klippen für die Neulerner? Günther: Die ß-Regelung ist relativ klar. Die macht Schülern, die das Alte gelernt haben, keine Schwierigkeiten. Enorme Probleme bereitet die neue Getrennt- und Zusammenschreibung. Denken Sie an Leid tun, das man auch klein schreiben darf, dann allerdings nur in einem Wort. Das einzig Vernünftige, leid tun wie früher klein, aber getrennt, bleibt verboten. Wir stoßen in Diktaten auf immer mehr Fehler, die es früher nicht gab. DIE WELT: Ein Beispiel? Bredel: Die Schüler reißen beliebig alles Mögliche auseinander und schreiben früh stücken, Brillen Gestell, Tiger Wäsche usw. DIE WELT: Wie wirkt sich die neue Kommasetzungs-Freiheit aus? Günther: Der Verzicht auf das Komma bei erweitertem Infinitiv mit zu führt dazu, dass das Komma nun auch bei anderen Konstruktionen rausfällt, zum Beispiel vor Relativsätzen. Die Fehlerquote bei der Interpunktion hat effektiv zugenommen. Und das hat weit reichende Folgen. Denn dadurch wird die Lesbarkeit erschwert. Artikel erschienen am 9. März 2004