Informatik-Studiengänge an der Universität Siegen


Die Universität Siegen bietet mehrere, unterschiedlich ausgerichtete Informatik-Studiengänge an, und zwar sowohl Bachelor-Studiengänge (Bachelor of Science, Abk. BS) als auch Master-Studiengänge (Master of Science, Abk. MS). Diese Übersicht dient dazu, Studieninteressierten bei der Wahl des für sie passenden Studiengangs zu unterstützen, wobei der Schwerpunkt auf den Bachelor-Studiengängen liegt.

Informatik ist die Wissenschaft von der systematischen Verarbeitung von Information, insbesondere der automatischen Verarbeitung mit Hilfe von Rechenanlagen. Ein oberflächliches Verständnis der Informatik als Wissensgebiet wird im folgenden vorausgesetzt, gute Einleitungen hierzu sind Artikel auf wikipedia.de und auf den WWW-Seiten der Gesellschaft für Informatik.

Arten von Informatik-Studiengängen

Die informationsverarbeitenden Systeme, die man mithilfe der Informatik konstruieren kann, lösen teilweise Probleme, die die Informatik selber hat. Beispiele hierfür sind Übersetzer oder Rechnernetze. In den meisten Fällen lösen die informationsverarbeitenden Systeme aber Probleme anderer Disziplinen. Beispiele sind betriebliche Informationssysteme, die den Informationsbedarf in Betrieben stillen, oder ``eingebettete Software'', also Software, die in Automobilen, multimedia-Systemen, Anlagensteuerungen usw. eingebettet ist und erst im Verbund mit elektrotechnischen oder mechanischen Komponenten ein funktionsfähiges System ergibt. Allgemein werden wir diese Disziplinen als Anwendungsgebiet bezeichnen. Eine umfangreiche Liste von Anwendungsgebieten wird auf www.girls-go-informatik.de dargestellt.

Erfolgreiche informationsverarbeitende Systeme kann man nur konstruieren, wenn man das jeweilige Anwendungsgebiet mehr oder weniger gut versteht. Die meisten Informatik-Studiengänge vermitteln daher nicht nur Kenntnisse in Technologien der Informationsverarbeitung, sondern auch in einem Anwendungsgebiet. Man klassifiziert nun die Informatik-Studiengänge danach, ein wie großer Anteil des Studienvolumens für Kenntnisse in dem Anwendungsgebiet investiert wird. Die folgende Tabelle gibt eine vereinfachte Darstellung einer sehr detaillierten Klassifizierung, die die Gesellschaft für Informatik für Bachelor-Studiengänge entwickelt hat:


Studiengangs-Kategorie Informatik- Grundlagen anwendungsnahe Informatik-Inhalte Grundlagen im Anwendungsgebiet
  Anteile bzw. Leistungspunkte (stark gerundet)
reine Informatik 100 % 180 LP 0 % 0 LP 0 % 0 LP
Informatik mit Nebenfach 75-85 % 120-135 LP 5-10 % 15 LP 15-25 % 30-45 LP
angewandte Informatik 40 % 70 LP 20 % 40 LP 40 % 70 LP
Informatik als Nebenfach 10-25% 15-45 LP 0 % 0 LP 75-90 % 135-165 LP

"Reine Informatik"-Studiengänge sind eher selten und werden an der Universität Siegen nicht angeboten.

Der in Siegen angebotene Bachelor-Studiengang Informatik fällt in die Kategorie Informatik mit Nebenfach. Von den 180 LP (Leistungspunkten) Gesamtumfang entfallen 140 LP auf die Informatik und 40 LP auf ein Nebenfach. Zur Zeit werden die Nebenfächer Elektrotechnik, Automotive Systems Engineering, Mathematik und Medien angeboten.

Der Bachelor-Studiengang Wirtschaftsinformatik fällt in die Kategorie angewandte Informatik. Das Anwendungsgebiet ist hier die Betriebswirtschaftslehre. (In die Kategorie angewandte Informatik fällt auch der auslaufende Studiengang "Angewandte Informatik", der in drei Varianten angeboten wird, und zwar für die Anwendungsgebiete Eletrotechnik, Maschinenbau und Medienwissenschaften. Eine Ersteinschreibung ist hier nicht mehr möglich.)
Bei einer angewandten Informatik sind die Informatik-Inhalte stärker auf das Anwendungsgebiet fokussiert, während eine Informatik mit Nebenfach weniger fokussiert ist. Das folgende Bild zeigt die Unterschiede und Gemeinsamkeiten am Beispiel der beiden vorgenannten Siegener Studiengänge:

Informatik-Studiengänge

Informatik als Neben-, Zweit- oder Ergänzungsfach kann in Bachelor-Studiengängen mit Hauptfach Elektrotechnik, Mathematik, Physik, Sprachen u.a. studiert werden. In den meisten Fällen besteht es aus einem Teil des obigen Blocks Informatik-Grundlagen.

Darüber hinaus bietet die Universität Siegen das Studium für das Lehramt Informatik an verschiedenen Schulformen an. Der reine fachwissenschaftliche Anteil dieses Lehramtsstudiums liegt in Bereich 60 - 80 LP, überwiegend aus dem Block Informatik-Grundlagen, ergänzt um weitere Module der praktischen Informatik. Hinzu kommen die Didaktik der Informatik und weitere unterrichtsbezogene Inhalte. Ein Anwendungsgebiet wird in dem (relativ kleinen) Studienvolumen nicht unterrichtet. Stattdessen ist ein zweites Unterrichtsfach zu studieren.

Auswahlkriterien für die Informatik-Studiengänge

Die gängigsten Kriterien, nach denen man einen Informatik-Studiengang auswählen kann, werden i.f. skizziert. Auf Nebenfachinformatiken gehen wir hier nicht ein, da sie zu heterogen sind und die Hauptfrage die Wahl des Hauptfachs ist.

Lehrämter stellen einen prinzipiell anderen Arbeitsmarktsektor bzw. Beruf dar als die Arbeitsmarktsektoren, die von alle anderen Informatik-Studiengängen adressiert werden. Für ein Lehramt sind pädagogische Interessen und Begabungen zentral, für die anderen Informatik-Berufe nicht; dieses Kriterium erlaubt eine prinzpielle Richtungsentscheidung. Die meisten nachfolgenden Auswahlkriterien sind auf Lehrämter nicht sinnvoll anwendbar.

1. Anwendungsgebiet und Arbeitsmarkt

Der Anwendungsgebiet, also das Neben- bzw. Anwendungsfach, sollte nach den gleichen Kriterien gewählt werden wie das Hauptfach Informatik, primär also gute Begabung und Interesse am Fach sowohl im Studium als auch bei der späteren Berufstätigkeit.
Wie wichtig diese Entscheidung ist, insb. ob eine eventuelle falsche Wahl später noch korrigiert werden kann, wird im folgenden Abschnitt diskutiert.

Die zur Zeit angebotenen Nebenfächer sind hinsichtlich der Systeme, die typischerweise während des Studiums und später im Beruf entwickelt werden, in etwa wie folgt einzuschätzen:

Der vorstehende aktuelle Auswahl wird voraussichtlich ab Wintersemester 2012/13 im Rahmen einer Reakkreditierung des BS Informatik durch ein weiteres Nebenfach "Softwaretechnik" ergänzt werden. Diese Nebenfach ist insofern atypisch, als vor allem Informatik-Inhalte vertieft werden, mit einem Schwerpunkt bei Methoden des Projektmanagements und der ingenieurmäßigen Entwicklung von Software.

2. Fixierung auf ein Anwendungsgebiet

Eine Entscheidung über das Anwendungsgebiet ist zur Zeit schon bei der Ersteinschreibung im ersten Semester notwendig. Viele Studieninteressente sind zu diesem Zeitpunkt bzgl. des Anwendungsgebiets eher unsicher oder wollen die Entscheidung noch offenhalten, zumal die wirtschaftliche Entwicklung nicht über lange Zeiträume prognostiziert werden kann. Die Frage ist daher, ob während des Studiums oder im späteren Berufsleben ein Wechsel möglich ist.

Generell ist die Fixierung auf ein bestimmtes Anwendungsgebiet bei einer angewandten Informatik wesentlich ausgeprägter als bei einer Informatik mit Nebenfach, dies gilt sowohl für einen Wechsel während des Studiums als auch im späteren Berufsleben.

Während des Studiums ist bei einem Wechsel die Hauptfrage, wieviele bereits erbrachte Studienleistungen verlorengehen. Angewandte Informatiken haben schon ab dem ersten Semester einen hohen Fächeranteil im Anwendungsgebiet und in den anwendungsnahen Informatik-Inhalten. Bereits nach 1 - 2 Semestern erreichen die verlorenen Studienleistungen ein großes Volumen, das einen Wechsel praktisch verhindert. Ein Nebenfach hat einen weitaus geringeren Anteil, die Verluste erreichen erst nach ca. 3 Semestern ein prohibitives Volumen. Relativ leichtiv sind Wechsel zwischen Nebenfächern wie Mathematik, Elektrotechnik und Automotive Systems Engineering, die in den ersten beiden Semestern viele thematisch überlappende Mathematikanteile enthalten.

Im BS Informatik kann man faktisch die Wahl des Nebenfachs faktisch auf das 2. oder 3. Semester aufschieben, indem man zunächst ausschließlich Informatik-Inhalte studiert. Dies ist allerdings mit einem deutlichen Risiko verbunden, die aufgeschobenen Nebenfachanteile nicht komplett im Rahmen der verbleibenden Regelstudienzeit zu absolvieren - wenn man darauf überhaupt Wert legt. Für Studierende, die, aus welche Grund auch immer, ohnehin nur in Teilzeit studieren, spielt die Regelstudienzeit ohnehin keine Rolle.

Die Chancen, im späteren Berufsleben das Anwendungsgebiet zu wechseln, sind bei einer Angewandten Informatik im Prinzip eingeschränkter als bei einer Informatik mit Nebenfach, insb. weil die Informatik-Grundlagen wesentlich weniger breit sind. Im konkreten Fall der Wirtschaftsinformatik werden z.B. keine Grundlagen in der technischen Informatik vermittelt, die Chancen, später eine Entwicklertätigkeit z.B. im Bereich eingebettete Systeme, Computergraphik usw. übernehmen zu können, sind daher gering.

Die Wechselmöglichkeiten hängen generell von der allgemeinen Konjunktur- und Arbeitsmarktlage ab. In einem gewissen Ausmaß ist der Gesamtarbeitsmarkt für Informatiker durch die wichtigen Anwendungsgebiete segmentiert, d.h. jemand, der Kenntnisse im jeweiligen Anwendungsgebiet hat, hat bei der Arbeitsplatzsuche Vorteile gegenüber konkurrierenden BewerberInnen, die diese Kenntnisse nicht haben. Relevant ist dies aber nur, solange die Arbeitgeber viele BewerberInnen zur Auswahl haben. In den letzten Jahrzehnten war dies nur selten der Fall, daher fanden InformatikerInnen regelmäßig Anstellungen in einem anderen Anwendungsgebiet als dem, das sie studiert hatten. Weitaus entscheidender als ein exakt passendes Anwendungsgebiet sind gute Kenntnisse im Hauptfach Informatik, ferner die persönliche Weiterentwicklung und Weiterbildung.

Insgesamt ist eine Informatik mit Nebenfach die bessere Wahl für diejenigen, die noch keine klare Vorstellung vom angestrebten Anwendungsgebiet haben. Mit einer angewandten Informatik besser bedient sind diejenigen, die sich eindeutig für das jeweilige Anwendungsgebiet entschieden haben, denn eine angewandte Informatik bereitet innerhalb des Anwendungsgebiets besser vor, und es muß weniger außenliegender Stoff erlernt werden.

3. Schwierigkeit des Studiums

Die Schwierigkeit eines Studiengangs ist immer nur subjektiv vor dem Hintergrund der persönlichen Talente und Arbeitsbereitschaft zu beurteilen. Die Talente werden oft nicht korrekt durch die erzielten Schulnoten wiedergegeben, es ist in Zweifelsfällen immer sinnvoll, die von der Studienberatung angebotenen Potentialanalysen wahrzunehmen, um ein weiteres unabhängiges Urteil zu erhalten. Wissenschaftlich nicht fundierte Eigungstests sind dagegen mit großer Vorsicht zu betrachten, s. hierzu den Artikel Was machen Informatiker? Kann ich das lernen?, in dem sich weitere Hinweise zu den Anforderungen im Studium befinden.

In allen Informatik-Studiengängen erfordern die Informatik-Inhalte ein gutes abstrakt-logisches Denkvermögen (mehr hierzu im vorgenannten Artikel), insofern ergibt sich hieraus kein Entscheidungsmerkmal. Viel deutlicher sind die Unterschiede infolge des Neben- bzw. Anwendungsfachs. Hierbei kommt es weniger auf den quantitativen Umfang an, sondern eher qualitativ auf die Art der Lernstoffe: